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Leserbriefe

Ersatztheologie ist keine offizielle Lehre Roms

zu: «Der Irrweg der Kirche», 9/17

Egmond Prill präsentiert das Buch von Rolf Wiesenhütter «Als Augustinus irrte ... Entstehung der Substitutionstheorie ...». Darin schreibt er: «(Mit Augustinus) ist der Eckpfeiler gesetzt, der schliesslich im Jahre 420 n. Chr. zur Dogmatisierung der Substitution führt, die das Heil von den Juden hin zur katholischen Kirche manifestiert.» Schon Paulus hatte in Römer 9–11 zu kämpfen gegen die Heidenchristen in Rom, die nicht mehr glauben konnten, dass Gott sein Volk, das seinen Messias verworfen hat, immer noch liebt und treu zu seinen ihm gegebenen Verheissungen steht, und dass dafür sie, die heidenchristliche Kirche, das «wahre Israel» seien, als Erben der an das alte Israel ergangenen Verheissungen. Diese Irrlehre ging auch in der katholischen Kirche bis in unsere Zeit weiter und führte zu Judenverfolgungen bis zum Holocaust. Das Vatikanische Konzil (1962–65) hat dieser Irrlehre massiv widersprochen und mit Paulus erklärt: «Die Juden sind nach dem Zeugnis der Apostel immer noch von Gott geliebt um der Väter willen; sind doch seine Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich (Röm 11,28 f.)» (Nostra aetate 4). Dennoch ist diese Irrlehre noch bei vielen Katholiken (und anderen bis zum ÖRK) stark in der Form der Israelfeindlichkeit wirksam, wogegen sich auch katholische Israelfreunde, zusammen mit evangelischen Israelfreunden, einsetzen. Jedoch ist festzuhalten, dass die katholische Kirche nie die Substitutionslehre dogmatisiert hat, d. h. sie feierlich als geoffenbarte Wahrheit erklärt hat. Ein führender Rabbiner hat dies einmal dankbar vermerkt. Im «Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen» (1790 Seiten!) entnehmen wir: um 420 keine Äusserung (geschweige denn ein Dogma) gegen die Erwählung der Juden. Um 620 mahnt Papst Gregor I. in einem Brief einen Bischof zur Toleranz gegenüber den Juden. 1065 massregelt Papst Alexander II. einen Fürsten wegen Intoleranz gegenüber den Juden: «Unser Herr Jesus Christus hat, wie man liest, keinen gewaltsam zu seinem Dienst gerufen, sondern durch demütige Ermahnung ... nicht durch Richten, sondern durch Vergiessen seines eigenen Blutes.» Ausführlich erklärt Papst Innozenz III. 1199: «Freilich ist die Treulosigkeit der Juden vielfach zu verwerfen ... Doch da sie dennoch die Hilfe Unserer Verteidigung erbitten, schenken Wir ihrem Gesuch Gehör aufgrund der Sanftmut der christlichen Frömmigkeit auf den Fussspuren Unserer Vorgänger (5 Päpste werden erwähnt), und gewähren ihnen den Schild Unseres Schutzes. Wir ordnen nämlich an, dass kein Christ sie mit Gewalt nötige, widerstrebend oder gegen ihren Willen zur Taufe zu kommen. ...» Die nächste im Kompendium erwähnte römische Lehrerklärung zur christlichen Beziehung zu den Juden ist die oben erwähnte Konzilserklärung, bezeichnet als kopernikanische Wende. Durch alle Konfessionen zieht sich ein Graben zwischen jenen, die im Nahostgeschehen nur die äussere Seite sehen und darum anfällig werden für die Israel als Friedensfeind bezeichnende Sicht, und jenen, welche aus dem biblischen Glauben Israel beistehen, sein Ziel zu erreichen: Licht zu sein für die Völker. Als christlicher Israelfreund weiss ich mich dankbar mit den factum-Lesern verbunden.

Br. Tilbert Moser, Kapuziner, CH-Olten