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Glaube

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Die Wahrheit ist real und analog

Die Online-Bibel hat pragmatische Vorteile. Aber: Ist es dasselbe, ob wir Gottes Wort in einer realen Bibel wahrnehmen oder als digitale Repräsentanz? Plädoyer für Gottes Wort zwischen Buchdeckeln.

Thomas Lachenmaier

Immer mehr Christen lesen die Bibel in einer digitalen Version: als Download auf dem Handy, einem Tablet oder auf dem Laptop. Das hat Vorteile. Es bietet Möglichkeiten, die man bei der gedruckten Bibel nicht hat. So kann man über Suchbegriffe schnell eine Bibelstelle finden oder innert Sekunden eine andere Übersetzung zum Vergleich heranziehen. Dennoch sollte man sich bewusst sein, dass es nicht dasselbe ist, eine Sache digital oder analog wahrzunehmen.

Das gilt in mehrfacher Hinsicht. So bringen es die digitalen Medien mit sich, dass der «User» im Zentrum steht: Er ist es, der hier oder da hin- oder wegklickt, der diese oder jene von etlichen Möglichkeiten nutzt. Die digitale Nutzung biblischer Texte legt eine bestimmte Haltung nahe: Man ist wie der Herr über die Sache, man kann (ab-) schalten und walten, wie man will. Die Sache muss einem verfügbar sein, und sie ist einem auch, technisch gesehen, verfügbar. Wer digital oder im Internet unterwegs ist, erfährt: Alles ist mir untertan. Mein Interesse, mein Wille geschehe. Der Text ist ihm verfügbar. Wer ein Buch, insbesondere die Bibel, in die Hand nimmt, hat prinzipiell vergleichbare Möglichkeiten: Er kann sie hier oder da aufschlagen, mit diesem oder jenem speziellen Interesse die Lektüre beginnen. Dennoch: Der Leser begegnet der gedruckten Bibel gewissermassen zwangsläufig in einer demütigeren Haltung. Er hält sie in der Hand, er hat sie nicht in der Hand.

Sie ist nicht einfach verfügbar. Das gedruckte Wort steht unveränderbar vor ihm. Das Wort Gottes in seiner gedruckten Form ist dem Leser ein Gegenüber, zu dem er sich verhalten muss. Die gedruckte Bibel ist mehr als ein beliebiges anderes Objekt. Sie tritt dem Leser gewissermassen wie die Objekt gewordene Stimme Gottes, wie als Subjekt entgegen.

Wohl kann er dem geschriebenen, gedruckten Wort in dieser oder jener Weise, mit diesem oder jenem Interesse begegnen. Er kann es ablehnen. Aber er, der Leser, ist es, der sich verhalten muss. Zur analogen Bibel, sogar wenn sie im Regal steht, muss man sich verhalten. Man steht nicht selbst im Zentrum. Das Wort steht im Zentrum. Manchmal steht es einem sogar im Weg.

Wenn man die reale Bibel aus der Hand gelegt hat und sie wieder im Regal steht, so ist sie dennoch da. Und das ist einem bewusst. Die weggeklickte Bibel ist nicht mehr da. Sie ist nicht mehr existent. Sie ist nur potenziell verfügbar, wenn und wann es einem beliebt, und taucht dann als temporäre Pixel wie auf einer Folie auf (falls es keinen Stromausfall gibt und der Akku noch Energie hat). Sie hat dieselbe Erscheinung wie die in mehrfacher Hinsicht grenzenlosen Manifestationen aus dem Internet und ist diesen darin technisch gesehen gleich(un-)wertig. Das ist etwas anderes als eine Realpräsenz.

Das gedruckte Wort Gottes ist dem Leser ein Gegenüber, zu dem er sich verhalten muss. Manchmal steht es einem auch im Weg.

Solange die Online-Bibel nicht auf dem Bildschirm ist, ist sie nur eine Option von Millionen, die man auf den Bildschirm des Tablets zaubern kann. Sie existiert nur auf Abruf – und auch das nur virtuell. Sollte das das Gleiche sein wie Gottes Wort als Buch, mit einem Anfang und einem Ende, Gottes Wort zwischen zwei Buchdeckeln? Zeigt sich Gottes Gnade nicht auch darin, dass er uns mit einem scheinbar so begrenzten Medium wie Buchstaben – auf Papier gedruckt oder früher auf Pergament geschrieben – von seiner Ewigkeit und allwissenden Weisheit kündet?

Über die Wahrheit kann man digital oder analog kommunizieren. Aber die Wahrheit an sich ist nicht digital und virtuell, sondern sie ist real und analog. Jesus ist keine Cyber-Projektion und er ist keine digitale Erscheinung. Er ist real und wahrhaftig. Gott ist die ultimative Wirklichkeit. Jesus lebt, und er lebt im realen Wort. Er identifiziert sich mit dem Wort, in dem er ist, mit dem er identisch ist. Wir lesen das in Johannes 1, Vers 1: «Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott.» Gott war und ist das Wort.

Zeigt sich Gottes Gnade nicht auch darin, dass er uns mit einem scheinbar so begrenzten Medium wie Buchstaben – auf Papier gedruckt oder auf Pergament geschrieben – von seiner Ewigkeit kündet?

Sein Wort liegt real vor, Gott öffnet sich uns, macht sich uns zugänglich, schwarz auf weiss gedruckt auf Papier zum Anfassen. Das ist einzigartig in der Mediengeschichte der Menschheit: Die Wahrheit liegt analog, buchstäblich greifbar vor. Wir brauchen nur zuzugreifen: «Kommt und seht!» (vgl. Matth. 28,6; Joh. 1,39). Das heisst nicht, dass man die Bibel nicht auch online lesen soll. Aber man sollte sich des besonderen Sachverhalts bewusst sein, den Unterschied verstehen. Hat es eine Auswirkung auf die Wahrnehmung des Gelesenen, wenn ich es ausschliesslich digital lese? Das ist wahrscheinlich. Es ist gut, sich bewusst zu machen, dass die Wahrheit analog vorliegt. Es ist gut, das wertzuschätzen.

Wie bei allem, was wertvoll ist, so gilt auch hier: Das Wort Gottes ist potenziell gefährdet, es erfährt Widerstand und Behinderung – in vielen Ländern ist es schon heute verboten. Wer weiss, ob gedruckte Bibeln immer verfügbar sein werden? Wird es dann eine digitale Version geben, und wenn ja: Wird sie verlässlich sein, wenn die gedruckte Bibel nicht mehr verfügbar, verboten ist? Welchen Wert wird sie haben?

Das (bereits) gedruckte Wort Gottes, die Bibel im Regal, hat einen Vorteil, der von grosser und wohl zunehmender Relevanz ist: Sie ist fälschungssicher. Bei digitalen Bibelversionen sind Fälschungen nur ein paar Klicks entfernt. Das mag heute kein Problem und keine Gefahr sein. Aber wird das so bleiben? Jeden Tag gerät Gottes Wort mehr unter Druck. Die Wahrheit ist vielen ein Dorn im Auge. Auch dessen sollte man sich bewusst sein. Gottes Wort steht fälschungssicher bei jedem im Regal. Der beste Weg, damit umzugehen, ist, danach zu greifen, das Buch aufzuschlagen, zu blättern – und zu lesen und dem dreieinigen Gott zu begegnen. Gottes Wort ist real.