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Editorial

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser

Was kann man zum Zustand der Welt sagen? Die Frage ist: «Wenn die Grundpfeiler umgerissen werden, was richtet da der Gerechte aus?» (Ps. 11,3). Grenzen von Nationen, politischer Ordnungen, sogar biologische Gegebenheiten werden negiert, überschritten, eingerissen. Das ist keine Zeit mehr, in der herkömmliches wohlmeinendes politisches Engagement an den Verhältnissen Wesentliches ändern könnte. Die Konflikte sind im Kern geistlicher Natur. Was wir in den globalen Zerwürfnissen, in den zerfallenden Nationen, in der Verleumdung Israels, in den Kirchen, in den Familien, in uns selber erleben, sind geistliche Kämpfe. Längst geht es um die Kernangelegenheiten, um die Wirklichkeit an sich. Es geht um Gott. Deshalb muss auch die Reaktion auf die Verhältnisse eine geistliche sein. Ein iranischer Christ, der seit Jahrzehnten im Schweizer Exil lebt und sich lange im Rahmen des Möglichen politisch für sein Heimatland engagiert hatte, sagte mir, dass er diesen Kampf heute geistlich führt. Er betet für die Menschen im Iran.

Als Frankreich von der Wehrmacht besetzt war, rettete der Landpfarrer André Trocmé mit seiner Gemeinde Tausende jüdische Kinder und Erwachsene vor dem sicheren Tod (nachzulesen in dem spannenden Buch von Hanna Schott: «Von Liebe und Widerstand. Das Leben von Magda & André Trocmé», Neufeld Verlag). Er predigte damals: «Die Aufgabe der Christen ist es, sich der Gewalt mit den Waffen des Geistes entgegenzustellen.» Wenn das Böse überhandnimmt, wenn sogar «die Grundpfeiler umgerissen werden», sind die Waffen des Geistes gefragt. Dann ist die Hinwendung zu Gott geboten. «Naht euch Gott! Und er wird sich euch nahen» (Jak. 4,8 a), ist das Versprechen, das uns jetzt Mut gibt.

«Die Aufgabe der Christen ist es, sich der Gewalt mit den Waffen des Geistes entgegenzustellen.»
Pfarrer André Trocmé (1901–1971)

Wer sich mit Gott verbindet – und wie sollte das geschehen ausser durch das betende Lesen seines Wortes –, wird ermutigt sein und Orientierung finden in dieser weglosen Zeit. Die Bibel verheisst sogar: «… die Leute aber, die ihren Gott kennen, werden sich stark erweisen und handeln» (Dan. 11,32). Pfarrer André Trocmé und seine einfache Landgemeinde haben sich als stark erwiesen. Warum sollte Gott uns dieses nicht auch schenken? Alles Gelingen kommt von Gott. Sollte unser Interesse jetzt nicht sein, Gott besser zu kennen?

So möchte auch diese Ausgabe von factum zu diesem Anker führen, auf das Wort selber hinweisen. Den Text von Pfarrer i. R. Paul Dengler über die ersten Worte von Jesaja 6 lege ich Ihnen ans Herz. Er schrieb mir über dieses Bibelwort: «Es ist ein Text, der uns in die Gegenwart Gottes führt und uns Gott als Tatsache, als das Faktum schlechthin vor Augen stellt, er will unser Leben in Ordnung bringen, uns sich offenbaren durch Jesus, uns heiligen. Er will Gemeinschaft haben mit uns, damit wir vor ihm leben, in seinem Licht, als seine Kinder, die er liebt und die ihn lieben von ganzem Herzen, ihn loben und ihm dienen. Ein gewaltiger Text. Dem Herrn sei Dank, dass er uns auf diese Weise Einblick gibt in die unsichtbare, herrliche Welt. Das ist’s, was wir immer wieder brauchen und von dem wir leben!»

So ist es. Wo die Welt leidet an ihrer Abkehr von Gott, wo sie geistlich so herausgefordert ist, von was könnten wir da leben ausser «von allem, was aus dem Mund des HERRN geht» (5. Mose 8,3; Matthäus 4,4)? So können wir dennoch am Ende eines jeden Tages, auch wenn wir wieder Zeugen wurden, wie «die Grundpfeiler umgerissen werden», mit Gottes Wort den Herrn loben: «Wir preisen dich, dass du über deinem Wort wachst, um es auszuführen» (Jes. 55,11; Jer. 1,12).

Ihr Thomas Lachenmaier, Redaktionsleiter