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Editorial

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser

Wahres Leben und echte Identität gibt es nur mit Gott, nicht gegen Gott. Das gilt für jeden Menschen, der auf diesem Planeten wandelt. Es gilt auch für Kirchen und für Nationen. Gegenwärtig erleben wir in einer Weise, wie man sich das noch vor wenigen Jahren kaum vorstellen konnte, eine Erosion von individueller, kirchlicher und nationaler Identität: Immer mehr Menschen glauben jeglichen Mist beliebiger Herkunft, verrennen sich auf diesen oder jenen Irrwegen; manche Kirchenleitung scheint besser wissen zu wollen als Gottes Wort, was recht und richtig ist – und wird zum Irrlicht. Gläubige werden in der eigenen Kirche zu Heimatlosen; ethische und politische Entgrenzungen bestimmen mehr und mehr die Wirklichkeit. Die Unfähigkeit, nationale Grenzen zu sichern, findet eine Entsprechung in russischen Cyber-Attacken, bei denen mit digitalen Mitteln Grenzen perforiert werden.

Innehalten. Stille sein. Schauen, wer man ist und wo man herkommt. Für Politik, Kirche und Individuum kann das zum Umkehrpunkt werden. Was hat dem Land Bildung, Wohlstand und Freiheit beschert? Was ist der Auftrag der Kirche? Wo habe ich Frieden gefunden? Wie finde ich dahin zurück? Nicola Vollkommer stellt in ihrem Beitrag (S. 44) die rhetorische Frage: Wohin sollten wir gehen, ausser zurück zu Jesus? Sie lädt mit guten Gründen zum Vertrauen in die Bibel ein.

Im Rückblick sehen wir die liebende Hand Gottes, die uns aus Gottesferne in Gottesnähe geführt hat.

Die Bibel lehrt, dass wir im Vergangenen Gottes Handeln erkennen – im Persönlichen wie in der Geschichte. Israel findet seine Identität im Blick auf seine Historie. Es ist diese Identität Israels, die jetzt «die Vollzahl der Nationen» (70) in Paris zusammengeführt hat, mit dem Ziel, Israel zu teilen. Damit wäre Israel faktisch der Vernichtung preisgegeben. Der Journalist Doron Schneider vergleicht das mit der Wannsee-Konferenz, auf der die Auslöschung des europäischen Judentums beschlossen wurde. Aber: Gott ist der Herr. Er wird richten: Joel 4,2. Israel ist der Stachel des schlechten Gewissens einer Welt, die von Gott nichts wissen will.

In der Vergegenwärtigung unseres vergangenen Lebensweges sehen wir Gottes Bewahrung, seine Führung, seine Treue, seine väterliche Liebe. Erst im Rückblick sehen wir die liebende Hand Gottes, die uns aus Gottesferne in Gottesnähe geführt hat – und uns dabei verwandelt. Welcher Christ würde im Rückblick nicht sagen können, dass Gott ihn Stück um Stück identischer, authentischer gemacht hat? Gott möchte uns zurückhelfen zu unserer eigentlichen Identität. Er möchte uns in die Gottesebenbildlichkeit verwandeln, zu der wir berufen, für die wir geschaffen sind.

Nicht, dass das bei unserer widerborstigen und halsstarrigen Natur vollends gelingen könnte. Schmerzlich steht das Scheitern in unserem Blick. Aber dieser Schmerz ist ein gutes Leiden, denn wir sehen die Schwere als die schwere Hand Gottes auf uns. Es ist nicht sinnlos. Wo wir im Ungehorsam eigenmächtig gehandelt haben, da sehen wir jetzt, dass wir dabei Gottes Liebe für uns im Weg standen.

Dem Jesusnachfolger ist der Blick zurück – was es auch an Not, Leid oder Zerbruch gegeben haben mag – Anlass zur Freude. Zu einer Freude, die es sonst nirgendwo gibt. Nicht mit Macht, nicht mit Geld ist sie zu kaufen. «Du erfreust mein Herz, ob jene auch viel Wein und Korn haben», kann David jubeln (Ps. 4). Die Heilige Schrift legt uns Dankbarkeit ans Herz: «Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.» Diese Freude gilt uns auch in dieser Zeit grosser Verunsicherung. Was der Oberrabbiner der sephardischen Juden in Israel, Itzhak Josef, für die Nation Israel gesagt hat, gilt auch für jeden von uns: «Manchmal müssen wir daran erinnert werden, dass wir uns auf niemand anders als den Heiligen Vater im Himmel verlassen können.» Israel ist der Beleg dafür, dass Gott einen Plan mit den Nationen hat – und mit jedem von uns.

Ihr Thomas Lachenmaier, Redaktionsleiter