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Editorial

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser

Jemand empfahl, man solle den neuen US-Präsidenten «ernst, aber nicht wörtlich» nehmen. So machen es die aus Mexiko stammenden US-Bürger. Trotz Trumps Tiraden über Mexikaner ist der Anteil seiner Wähler bei ihnen besonders hoch. Abseits von Trumps Worten bleibt: Er will kriminell gewordene Zuwanderer ausweisen. Die anderen illegalen Zuwanderer würdigt er mit freundlichen Worten («grossartige Leute»). Er will sie integrieren, als US-Bürger. Der Faktencheck ergibt also eine wenig spektakuläre Politik. Aber der mediale Kampf tobt. Demokratielehrstunden auf Deutsch in Richtung Amerika sind wohlfeil und geschichtsvergessen.

Die Demokratie musste den Deutschen von den Amerikanern mit Gewalt und Care-Paketen eingebläut werden, im Osten ist sie noch keine 30 Jahre alt. Der Politikjournalist und Buchautor Stefan Frank schreibt nach nüchterner Analyse von Trumps Rede zur Amtseinführung, die von den Medien skandalisiert wurde: «Sie enthält nichts, was skandalös oder auch nur ausserhalb des tradierten Ideensortiments gewesen wäre.» Ihre nüchterne Lektüre lohnt. Unter anderem sagte Trump: «Was wirklich zählt, ist nicht, welche Partei unsere Regierung kontrolliert, sondern ob unsere Regierung vom Volk kontrolliert wird.» Eher wird Angela Merkel die Raute als Markenzeichen ausmustern, als diesen Satz über die Lippen zu bringen. In Deutschland hat man Mühe damit, dass das Volk der Souverän ist, nicht seine Repräsentanten.

Frei von aller seelischen Verunreinigung blickt Jesus in die Welt und auf uns. Wo wir nur Details sehen, erkennt er die Wahrheit. Sein Blick lehrt uns Barmherzigkeit.

Muss man sich um Deutschland weniger Sorgen machen als um Amerika? Kein Politiker hat hier noch die Freiheit, auf einem «Marsch für das Leben» zu sprechen, wie das Trumps Vize Mike Pence getan hat. Gegen Abtreibung zu sprechen, ist politischer Selbstmord. Werthaltiger, weltoffener Konservatismus ist heimatlos geworden. Menschen mit einem christlichen Menschen- und Weltbild haben in der atheistischen Berliner Republik keine politische Plattform mehr. So hat auch die Ablehnung bzw. die Abkehr von Israel alle Parteien erfasst. Was sagt es über ein Land aus, wenn die Kanzlerin eine lange verabredete Israelreise absagt, weil sie davon ausgehen muss, dass ihr das im Wahlkampf schadet? Ist das nicht auch Populismus? Israel ist gut beraten, die Fehler, von denen schon die Bibel spricht, nicht zu wiederholen, indem es im Ernstfall Hilfe «aus den Nationen» erhofft – statt von dem «Hüter Israels», seinem Erschaffer, der «nicht schläft noch schlummert» (Ps. 121,4). Ägypten hat nicht geholfen. Europa wird nicht helfen. Amerika wird letztlich nicht helfen. Gott wird helfen.

Der politische Diskurs ist hart geworden. Es driftet alles auseinander. Gleichgesinnte treffen sich im Internet. Und werden in der Folge immer gleichgesinnter. Man bestätigt sich gegenseitig in seiner Weltsicht, versorgt sich gegenseitig mit den passenden Fakten (oder was man dafür hält). So werden Menschen und Meinungen immer enggeführter. Dutzende von Milieus und Submilieus, hochspezifische Parallelgesellschaften bilden sich – die sich mit giftiger Aversion gegenseitig und allen anderen alles Gute absprechen. Auch Christen sind angefochten. Mit Menschen anderer Meinung redet man erst gar nicht mehr – eine fast unheimliche Entwicklung. Die Liebe «... wird in vielen erkalten», kündigt die Bibel für eine Zeit an, in der wir unsere Zeit erkennen.

Wie ist das eigentlich bei Jesus? Jesus ist anders. Er kann, was wir nicht können. Frei von aller seelischen Verunreinigung blickt Jesus in die Welt. Wo wir nur Details sehen, erkennt er die Wahrheit. Sein Blick taxiert nicht, sein Blick nimmt wahr. Er identifiziert uns nicht mit unseren Begrenzungen, unseren Abgründen. Sein Blick ist barmherzig und lehrt uns Barmherzigkeit. Nur mit dem Jesusblick kann man die Wahrheit sehen. Jesus will uns befähigen, im anderen Menschen den zu sehen, den Gott liebt. Auch in der politischen Auseinandersetzung ist das die Herausforderung. Das Schulbuch für den Jesusblick ist die Bibel. In ihr steht auch das Gebet um Erkenntnis.

Ihr Thomas Lachenmaier, Redaktionsleiter