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Editorial

EDITORIAL

“Es ist eine Hybris zu glauben, man könne diese Pandemie mit all ihren Ursachen und Folgen tatsächlich verstehen.

Liebe Leserin, lieber Leser

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Es mag eine Hybris sein zu glauben, man könne diese Krise und vor allem ihre unabsehbaren Folgen beherrschen. Aber die Selbstüberschätzung fängt schon an, wo man meint, man könne dieses Geschehen mitsamt all seinen Ursachen und Folgen tatsächlich verstehen. Es ist angemessen, auch für Christen, nicht mit einer Generalerklärung aufwarten zu wollen, und die Komplexität um der Erklärbarkeit willen zu reduzieren. Wir sind alle an der Grenze der Verstehbarkeit angekommen und sollten nicht der Versuchung erliegen, dieses zu übertünchen. Gott versteht alle Dinge. Wir sind weit davon entfernt.

Der israelische Generalmajor (a. D.) Gershon Hacohen wies auf dieses Grundlegende hin: Der Weg zur Bewältigung der Krise beginnt «in dem Bewusstsein, dass nicht alles von Menschen beherrschbar ist. Die bedeutenden Wissenschaftler wissen, wie sehr selbst das wissenschaftliche Streben eine tiefe Demut und die Hoffnung auf die Erlösung durch den Schöpfer erfordert». Es gibt keine Weisheit ohne Demut. Der Chefredaktor der Schweizer Wochenzeitung «Weltwoche», Roger Köppel, erinnerte daran, «dass es Kräfte gibt, die grösser sind als wir». Dies falle einer Welt schwer zu akzeptieren, «die nicht nur den lieben Gott verabschiedet hat, sondern auch den Tod überwinden möchte». Mit schwindelerregenden Summen versucht man jetzt die Folgen einer «kolossalen Rezession, einer Weltwirtschaftskrise» abzuwenden, die nach Meinung von Fachleuten wie dem Ökonomen Prof. Thorsten Polleit unvermeidlich ist. Aber diese Hilfe steht auf tönernen Füssen, es ist eine «Geldmengenvermehrung aus dem Nichts», gibt Polleit zu bedenken. Die Hoffnungen der Menschen ruhen damit auf ungedecktem Vermögen. Stehen am Ende Verstaatlichungen, eine «Lenkungs- und Befehlsstaatswirtschaft, in der bürgerliche und unternehmerische Freiheiten zerstört werden» (Polleit)? Je grösser die Hybris, desto tiefer der Fall.

Die Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz hat sich intensiv mit dem befasst, was jetzt gefragt und Mangel ist – mit dem Thema Weisheit. «Weisheit muss dem Ursprung – dem königlichen Ursprung, von dem wir sind – wieder nahekommen», hat sie einmal formuliert. Das lässt an die Bibel denken, in der viel von Weisheit die Rede ist und davon, dass Weisheit mit der Furcht Gottes anfängt – also mit der demütigen Erkenntnis, dass da ein Gott ist, der sich zu erkennen gibt. Jesus ist dieser «königliche Ursprung». Er hilft dem um Weisheit bittenden Menschen gern, verspricht die Bibel. Gott hilft dem Demütigen und widersteht dem Hochmütigen.

In der Zeitung «Tagespost» schrieb Stephan Baier über die Thesen der Philosophin: «Weisheit heisst, den Dingen auf den Grund kommen – dorthin also, wo das Fragen aufhört. Als Beispiel nannte Gerl-Falkovitz Sokrates, der eine Gemüsefrau auf dem Markt von Athen fragte, warum sie Gemüse verkaufe. Ihre Antwort war: ‹Um Geld zu verdienen.› Warum sie Geld verdienen wolle? ‹Um meine Kinder zu ernähren.› Warum denn das? ‹Weil ich sie liebe.› Da schwieg der Philosoph. Die Suche nach dem Sinn war an ihr Ziel gekommen.» Weisheit, Demut und Liebe sind wie Geschwister; sie kommen vom selben Vater, dem König.

Ihr Thomas Lachenmaier, Redaktionsleiter