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Editorial

Thomas Lachenmaier

Liebe Leserin, lieber Leser

Dieser Tage fiel mir in einem christlichen Nachrichtenportal ein kurzer Artikel mit einem Foto auf. Das Bild zeigt ein 14-jähriges Mädchen. Sie ist bildhübsch. Es ist ein Amateurfoto. Etwas scheu, aber fröhlich und offen schaut sie in die Kamera. Man kann nicht anders, als dieses Mädchen ins Herz zu schliessen. Auch ohne Näheres über sie zu wissen, weiss man, dass sie ein sympathisches, liebenswertes Kind ist. Man sollte das Sehen nicht unterschätzen. Als Mittel der Erkenntnis ist es manchem Studieren überlegen. Man kann nicht anders: Man möchte diesem Mädchen alles Gute fürs Leben wünschen. Sie heisst Hodaja Asulin.

Hodaja stand am 23. März 2011 an einer Bushaltestelle in Jerusalem, als die Bombe explodierte. Eine Bibelübersetzerin starb. 39 Menschen wurden verletzt. Viele von ihnen schwer, wie Hodaja. Jetzt ist sie gestorben. Sechseinhalb Jahre lang lag sie im Koma, zuhause von ihrer Familie gepflegt. Ein Bild, einige Zeilen haben sie mir nahegerückt. Es gibt so viele wie Hodaja, von Terroristen ermordet. Trauer mischt sich mit Zorn. Wie mag es den Eltern von Hodaja ergehen, jetzt, wo sie endgültig von ihr Abschied nehmen mussten? Ihren Geschwistern? Wie viel Leid hat hier eine Tat verursacht, die ohne jeden Sinn ist? Es steht beispielhaft für das Leid vieler Menschen. Wie kann es sein, dass viele Politiker und Medien im Westen der Kultur des Todes, die für diese Tat verantwortlich ist, mit Indifferenz begegnen, mit Beschwichtigung?

Es gibt nicht nur den Terror derjenigen, die den Tod mehr lieben als das Leben. Es gibt auch Menschen, die Gott vertrauen. Sie bezeugen, dass es buchstäblich die Liebe ist, die Leben schenkt.

Juden und Christen ist das Leben heilig. Es gibt eine gegensätzliche Kultur. Sie bekennt: «Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod!» Gott, der den Tod besiegt hat, spricht von dieser Kraft: «Alle, die mich hassen, lieben den Tod.» Gott identifiziert sich mit der Liebe. Er ist es auch, der Menschen zur Liebe befähigt. In der Titelgeschichte (S. 16) wird bezeugt, dass es buchstäblich die Liebe ist, die Leben schenkt. Es gibt auch diese Wirklichkeit: Menschen, die Gott vertrauen. Die sogar bereit sind, ihr Leben hinzugeben, wie es Jesus getan hat. Am Ende gehört ihnen der Sieg. In der dunkler werdenden Welt siegt am Ende das Licht.

Albrecht Hauser benennt in dem Interview (ab Seite 12) die Herausforderung für Christen. Es ist eine Schande, sagt er, der viele Jahre in Afghanistan und Pakistan tätig war, dass die Interessen von Ländern wie der Türkei und Katar höher geachtet werden als die Situation der Christen, die Opfer eines Genozids werden. Mit der Abkehr von Gott, für die beispielhaft auch die Einführung der «Ehe für alle» steht, verliert Europa seinen Halt. Deutschland: ein Land ohne Halt und ohne Orientierung.

Ein deutscher Richter sprach vor einiger Zeit den moslemischen Attentätern auf die Synagoge von Wuppertal ein mildes Urteil, weil das kein Antisemitismus sei, sondern Israelkritik. Ein anderer Richter entscheidet, es sei rechtens, wenn sich Katar Airlines weigert, Israelis zu befördern. Die universalen Menschenrechte, das Recht wird mit Füssen getreten, von einem Richter in Amtsrobe – und kaum jemand empört sich. Das ist eine Einladung an das Unrecht, sich hier weiter auszubreiten. Wie anders wäre die Reaktion gewesen, wenn sich eine Fluggesellschaft weigerte, einen Palästinenser zu transportieren oder einen bekennenden Homosexuellen.

«Wo das Antigöttliche in Gesellschaft und Medien hofiert und das Böse eingeladen wird, sollte sich niemand wundern, wenn es am Ende nicht nur für die bekennenden Christen ungemütlich wird», heisst es in einem Beitrag auf S. 36. Es ist hohe Zeit, dass sich Christen in Europa auf das Kommende vorbereiten. Dazu gehört auch das Einstehen und das Gebet für die Geschwister unter Verfolgung.