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EDITORIAL


Liebe Leserin, lieber Leser

Wie sollte der, der Himmel und Erde erschaffen hat, nicht auch über die Niedrigkeiten und Erbärmlichkeiten dieser Welt erhaben sein?

Die Hoffnung ist das Fundament der christlichen Existenz. Wer an den Ewigen glaubt, der hat eine feste Zuversicht, mehr noch: die Gewissheit, dass das Böse am Ende nicht obsiegen wird. Nur deshalb kann man sich unbeschadet mit dem konfrontieren, was auf dieser Welt geschieht. Das Titelbild von factum 2/2015 hat Ablehnung und Zustimmung ausgelöst. Es erinnert mich an die Vorausschau auf Jesus in Jesaja 53, wo von einem Misshandelten die Rede ist. Er «war verachtet und von den Menschen verlassen, ein Mann der Schmerzen (...) wie einer, vor dem man das Gesicht verbirgt».

Es gibt viele, vor denen wir unser Gesicht verbergen möchten. Christen werden erschlagen in Nigeria, enthauptet im Irak, gekreuzigt in Syrien, vergewaltigt und gefoltert im Iran. Wir sollen uns «des umfassenden Martyriums von Christen ausserhalb des Westens» bewusst sein, schreibt der Missionar Elwood McQuaid, und verweist auf die Schrift: «Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil ihr auch noch im Leibe lebt.» In den vergangenen zehn Jahren sind in jedem Jahr 100 000 Christen ermordet worden. In den arabischen Ländern hat der Völkermord an den Christen begonnen. Die westliche Welt leistet es sich, relativ unbekümmert zuzuschauen.

Die Mitarbeiterin einer Einrichtung, die Nachrichten über Christenverfolgung publik macht, wurde einmal gefragt, wie sie die Hilflosigkeit angesichts solcher Nachrichten denn Tag für Tag aushalten könne. Die Konfrontation damit habe sie dazu geführt, so ihre Antwort, ihre Hilflosigkeit und ihr Entsetzen Gott zu übergeben. Das Leid dieser Welt ist ihr im Alltag präsent, sie verwandelt es in Gebet. Wenn ihr kleines Kind auf dem Arm einschlafe, bete sie manchmal für Eltern in Nigeria, deren Kinder von muslimischen Extremisten in ihren Betten umgebracht werden. Ein frostiger Wind könne sie dazu bringen, für Christen in nordkoreanischen Lagern zu beten, die ungeschützt unter der winterlichen Kälte leiden. Und das Weinen ihres Sohnes, nachdem er hingefallen ist, erinnere sie daran, ein Gebet für Kinder in Somalia zum Himmel zu schicken, die nach ihren Müttern und Vätern rufen, die sie an mordende Islamisten verloren haben. Auch könne man dafür beten, dass die Trauernden getröstet werden, dass Gott sich durch seine Gegenwart der Elenden erbarmt. Diese Haltung: Das ist die urchristliche Verwandlung und Durchdringung der Welt, die uns Jesus aufgetragen hat!

Das biblische Esther-Buch ist eine ausserordentlich ermutigende und aufbauende Lektüre, eine Handlungsanweisung (vgl. Text S. 22). Robert Stearns hat ein gut und verständlich geschriebenes Buch dazu verfasst: «Mordechais Ruf für eine Zeit wie diese». Ich möchte es Ihnen sehr ans Herz legen. Als es vor sechs Jahren erschien, war es aktuell, heute ist es hochaktuell. Das hat mit dem Zeitgeschehen zu tun, vor allem aber mit dem Buch, welches nie altert: der Bibel.

In solchen Zeiten mag es hilfreich sein, sich mit dem Blick in die Schöpfung der Grösse Gottes zu vergewissern. Roman Nies hat dies in der grossartigen Landschaft von Kanada gemacht. Er beschreibt in einem tiefgründigen Text die Naturweiten, die Erhabenheit der Landschaft als «Die Gedankenschrift des Schöpfers» (S. 40). Die Rocky Mountains nennt er «eine Urkunde gegen die Zufälligkeiten von Naturschönheiten, einen Beweis, dass es jemand grosszügig mit uns meint, der über unendliche Güte und einen unschlagbar erlesenen Geschmack verfügt». Wie sollte der, der Himmel und Erde geschaffen hat, nicht auch über die Niedrigkeiten und Erbärmlichkeiten dieser Welt erhaben sein? All unsere Sorge über die Not der Welt, all unsere Freude über die Schönheit dieser Welt ist bei dem gut aufgehoben, der sie erschaffen hat.