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Editorial

EDITORIAL

Liebe Leserin, lieber Leser

Es ist wie in einer Ehe. Viktor Frankl, der Schlimmstes durchlitten hat und doch zum grossen Tröster, Seelsorger und Mutmacher wurde, hat einmal auf den Unterschied hingewiesen, den es ausmacht, wenn Ehepartner an Gott glauben. Sie müssen nicht dabei stehen bleiben, alles von sich und vom anderen zu erwarten. Sie müssen nicht im Starren auf den anderen verharren und diesen und sich selbst mit ichbezogenen Wünschen überfordern. Aber im gemeinsamen Schauen auf Gott – wenn die Ehe auch als der gemeinsame Weg verstanden wird, Gott zu erkennen – kommen sich auch diese beiden Menschen näher. Und dies auf eine Weise, wie sie das mit eigenem Bemühen niemals bewerkstelligen könnten.

“Kann es ein wahres Miteinander geben, das den anderen und den Fremden achtet, wenn man nicht den wahren Gott mit ins Boot nimmt, ihn demütig einlädt?

Im gemeinsamen Schauen auf Gott, in der Erkenntnis seiner Grösse, kommt eigene Begrenztheit, auch die Falschheit mancher Wünsche ans Licht – und es gedeiht das versöhnende Elixier des Vergeben-Könnens, ohne das keine Beziehung bestehen kann. Das gilt für Menschen, die gemeinsam in Liebe und Verantwortung füreinander durchs Leben gehen wollen. Es gilt auch für die Gesellschaft insgesamt.

Wäre die Vorstellung in der Bevölkerung noch allgegenwärtig, dass es tatsächlich eine moralische Fundierung der Welt gibt durch einen Gott, der von sich bekennt: «Denn ich weiss wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung» (Jer. 29,11), dann sähe es anders aus. Dann müssten die Menschen nicht angesichts der Herrschaft der Lüge, des Missbrauchs, der Vereinzelung, der Unterdrückung und schierer Gewalt stöhnen: «Ich kann nicht mehr atmen.» Kann es ein wahres Miteinander geben, das den anderen und den Fremden achtet, wenn man nicht den wahren Gott mit ins Boot nimmt, ihn demütig einlädt?

Alle atheistischen Gesellschaften waren (und sind) Zwangsgesellschaften. Kein islamischer Staat offeriert eine Lebenswelt, in der ein Mensch leben will. Andreas Thiel hat in dem Text (ab S. 16 «Freiheit war gestern») exemplarisch dargelegt, warum die zivile, freiheitliche Ordnung, die uns in den vergangenen Jahrzehnten doch so gut bekommen ist, auf dem moralischen Fundament der Bibel beruht. Und warum sie bei Abkehr von diesem Fundament verschwindet. Ohne Gott keine Freiheit. Ohne Gott verschwindet Zivilität, wird der Barbarei der Hof bereitet. Ohne Gott schwinden Vernunft und eine konsistente, vertrauenswürdige Politik.

In atemraubend schnellen Schritten hat sich Deutschland in den vergangenen 15 Jahren von diesem Fundament verabschiedet. Zuletzt wurde, Mitte Juni, ein weiterer Schritt auf dem Weg getan, die Abtreibung völlig freizugeben – auf Initiative auch der CDU. Sogar in der Schweiz, die mit Gott in der Verfassung und im «Schweizer Psalm», der Nationalhymne, eine Segensgeschichte ohne historische Parallele erleben durfte, wird jetzt die Einführung der «Ehe für alle» wahrscheinlich. Andreas Thiel legt dar, warum der Staat ohne das Segensfundament der Bibel selber zu einem religiösen Heilsversprechen wird.

Aber es braucht mehr als die Anerkennung dieses Fundamentes. Wahre Erlösung findet sich in der Erkenntnis der eigenen Schuld und Ohnmacht und in der Hinwendung zu dem, von dem nur das Wort gesprochen werden kann: «Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er unsere Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit» (1. Joh. 1,9). Was einer Ehe heilsam ist, die Gesellschaft gut und frei macht, fordert auch Christen heraus. Sind wir wirklich das Salz des Gemeinwesens? Der Auftrag, das Licht der Frohen Botschaft weiterzugeben, ist klar, «es sei gelegen oder ungelegen». Die Gemeinde muss jetzt auf Jesus schauen. Einheit und Wirksamkeit findet sie in Christus, oder sie findet sie nicht.

Ihr Thomas Lachenmaier, Redaktionsleiter