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Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser

Jeden Tag mehr prägt die Abkehr von Gott unsere Gesellschaft. Der grosse Kommentator Charles Krauthammer, der in der Titelgeschichte (ab S. 10) zitiert wird, die ich Ihnen ans Herz lege, sagte einmal, dass unsere Zeit vor allem anderen von der «Obsession der Menschen» geprägt sei, «sich mit sich selbst zu befassen». In alter Zeit diente das Goldene Kalb als Götze; im braunen Sozialismus war es die Nation, die vergötzt wurde; im roten Sozialismus die «Vergesellschaftung», also die Abgabe der individuellen Verantwortung an die Partei, die «immer recht hat». Heute ist es der Mensch selbst, der vergötzt wird: das Ego auf dem Thron.

Jeder wird sich selbst zum Götzen: Wie kann ich mir selber mehr dienen, warum kümmern sich die anderen nicht mehr um mich? Wie kann es mir besser gehen, mehr Zufriedenheit, mehr Gesundheit; wie erlange ich mehr Wohlbefinden, mehr Glück, mehr Macht? Diese Ich-Vergötzung geht einher mit der Vergötzung des Körpers, er wird trainiert und tätowiert und schönheitsoptimiert. Ihm wird gehuldigt. Die Parole auf dem Weg zum Ich-Altar lautet: «Mein Wille geschehe!»

Diese Ich-Sucht kann auch sehr fromm daherkommen. Längst haben manche christliche Gemeinden den Ich-Götzen eingemeindet. Gott wird instrumentalisiert, auch er soll diesem Ich-Götzen dienen: ER soll es richten, dass es uns auf unseren Wegen «besser» geht, dass wir gesünder, glücklicher, anerkannter und – ja, auch das – wohlhabender werden. Aber: Will Gott, dass es uns auf unseren Wegen besser geht? Die Bibel spricht davon, dass Gott uns von unseren Wegen befreien will. «HERR, zeige mir deine Wege und lehre mich deine Steige!», ist das Gebet für die Ich-Gemeinde (Psalm 25,4).

Missionsteams aus Israel, die sich aus messianischen Juden und christlichen Arabern zusammensetzen, evangelisieren in Deutschland – hoffentlich bald auch bei der EKD.

Jesus kündigte seinen Nachfolgern an, dass sie um seines Namens willen verspottet, gehasst, verfolgt und ermordet werden. Und so erging es seinen Jüngern und daran hat sich bis heute nichts geändert. Für Nachfolge gibt es nicht den Applaus dieser Welt. Es sind nicht solche Ersatzfreuden, die uns wirklich im tiefsten Sinn Freude machen, sondern: «Du erfreust mein Herz, ob jene auch viel Korn und Wein haben.»

Der zeitgeistlichen Gefallsucht völlig erlegen scheint die Spitze der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD). In ihrem mit Kirchengeldern finanzierten Magazin «chrismon» verherrlichte sie (anders kann man es nicht nennen) die Abtreibungsärztin Kristina Hänel, die wegen Werbung für Abtreibung zu 6000 Euro Bussgeld verurteilt wurde. Überschrift: «Die Retterin». Nicht einmal weltliche Magazine wie der «Spiegel» würden eine so platte Pro-Abtreibung-Werbung drucken. Kein Wort über das Recht der Ungeborenen auf Leben. Hänel kämpft für die Freigabe der Abtreibung, die Kirche hilft ihr dabei. Schwer zu ertragen: Das «Land der Reformation» ist härtestes Missionsgebiet.

Gut, dass sich jetzt Profis darum kümmern, könnte man kalauern: Missionsteams aus Israel mit messianischen Juden und arabischen Christen haben sich nach Deutschland aufgemacht und evangelisieren, unter anderem in Berlin, Kaiserslautern und Heidelberg. Hoffentlich schauen sie auch in Hannover vorbei, bei den Granden (und «Grandinnen») der EKD – auch wenn diese ihrerseits messianischen Juden auf den Kirchentagen Hausverbot erteilt haben und meinen, man brauche und dürfe Muslime nicht missionieren – da man eh an denselben Gott glaube.

Christen sind berufen, «in seinen Wegen» zu wandeln (vgl. u. a. 5. Mose 8,6), auch wenn das kein breiter Weg durch einen Rosengarten ist. Und sicher keine Zeitgeist-Autobahn, wie die EKD-Führung glaubt.

Ihr Thomas Lachenmaier, Redaktionsleiter