„Vertrauen macht Stadt“ – Warum Demokratie vor der Haustür beginnt
Wo die Infrastruktur bröckelt, wo die Vereinzelung wächst, da ist auch die Demokratie in Gefahr, mahnen Forschende. Ob Menschen dem Staat und dem politischen System vertrauen, entscheidet sich vor allem in ihrem Alltag. Wie Kommunen ganz konkret Demokratie stärken können, zeigt unter anderem das Beispiel der Münchner Stadtbibliothek.
Neue Bäume für die Innenstadt, Wasserbänke zum Abkühlen, ein neues öffentliches Tanzparkett und größere Mülleimer – das sind einige der insgesamt zehn Gewinnerprojekte, die aus der ersten Auflage von München Budget entstehen. Im Rahmen eines Wettbewerbs schreibt die Landeshauptstadt München die Summe von 1 Mio. Euro aus für Vorschläge aus der Bürgerschaft für eine lebenswerte Stadt. Alle können Ideen einbringen, alle können abstimmen, die Verwaltung prüft und entscheidet, was realistisch umsetzbar ist. Bis 01.05.2026 werden neue Projekte gesammelt, für die Favoriten kann ab 01.06.2026 abgestimmt werden.
Aktive Teilhabe und unmittelbar Einfluss auf die Stadtgestaltung nehmen zu können – damit macht die bayerische Metropole einiges richtig. Denn: „Vertrauen macht Stadt“, fasste es Dr. Ursula Münch, Direktorin der Akademie für Politische Bildung in Tutzing, zum Auftakt der Reihe „Zukunft findet Stadt – PlanTreff on Tour“ des Referats für Stadtplanung und Bauordnung in München zusammen. Sie beschreibt damit eine Entwicklung, die sich in vielen Kommunen schon lange beobachten lässt. Vertrauen gehe nicht plötzlich verloren, sondern schleichend, oft im Alltag, so Münch. „Etwa dann, wenn Menschen den Eindruck bekommen, dass ihre Lebensrealität politisch nicht vorkommt. Wenn Busverbindungen ausgedünnt werden, Arztpraxen schließen, Schulgebäude bröckeln oder Behörden schwer erreichbar sind. Oder wenn sie hören und glauben, dass ‚die anderen immer mehr bekommen‘, während sie selbst leer ausgehen.“
Genau in solchen Wahrnehmungen liege der Nährboden für Misstrauen, das sich ausweiten und entgrenzen könne, wie Münch es nennt. Dann richte es sich nicht mehr nur gegen konkrete Politik, sondern gegen Institutionen insgesamt. Skandale, Krisen oder widersprüchliche Entscheidungen verstärken diesen Effekt.
Auf dem Land kommen weitere Faktoren hinzu: „Treffpunkte wie Gasthäuser oder Bäckereien werden gerade auf dem Land geschlossen, Lokalzeitungen verlieren an Bedeutung, Informationen zirkulieren vor allem über Social Media in Blasen, die sich nicht mehr mischen“, beschreibt es Münch. „Demokratie ist nur solange attraktiv, wie sie auch imstande ist, Probleme zu lösen“, beobachtet auch Frederik Fischer, LinkedIn Top Voice Social Impact, Gründer und Geschäftsführer von Neulandia und Initiator verschiedener Social-Innova-tion-Projekte wie dem „KoDorf“, das urbane Strukturen wie Co-Working und Co-Living aufs Land bringt. Er sieht gerade die kommunale Ebene in zentraler Rolle, da sich aus seiner Sicht die Demokratie-Verdrossenheit inzwischen vor allem über die Fläche entwickelt – etwa durch Überalterung, fehlende Arbeitsplätze und Kulturangebote. Viele Menschen fühlen sich zurückgelassen und wissen nicht, wie sie selbst etwas verändern können. „Dabei ist Selbstwirksamkeit in der Gemeinschaft eine Art Superkraft“, so Fischer.
Wie eng diese Fragen inzwischen mit Einsamkeit verknüpft sind, zeigt eine Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2025, die vor allem junge Menschen in den Fokus rückt. 45 % der 16- bis 30-Jährigen berichten hier von moderater oder starker Einsamkeit. Unter den stark Einsamen glauben 60 % nicht, „mit ihrem eigenen Handeln politische oder gesellschaftliche Veränderungen bewirken zu können“. Bei den nicht Einsamen liegt dieser Wert bei 42 %. Gleichzeitig geben 63 % der stark Einsamen an, mit der Demokratie unzufrieden zu sein, gegenüber 41 % bei denjenigen, die sich nicht als einsam bezeichnen. Anja Langness von der Bertelsmann Stiftung formuliert daraus einen klaren Auftrag: Die Politik müsse auf junge Menschen zugehen, ihnen zuhören und sie einbeziehen. „Wo echte Mitgestaltung entsteht und sich Menschen als Teil der Gesellschaft erleben, stärkt das nicht nur den Einzelnen, sondern unsere Demokratie insgesamt.“
»Wer sich unsicher fühlt, braucht Antworten, nicht Belehrungen. Andernfalls verstärkt sich die Distanz weiter. Vertrauen entsteht unter diesen Bedingungen nicht von selbst. Es entwickelt sich dort, wo Menschen konkrete Erfahrungen von Teilhabe machen.«
Dr. Ursula Münch
Das unterstreicht auch Frederik Fischer: „Wir können die Begeisterung für die Demokratie wiedererwecken – aber nicht nur aus den Metropolen heraus, sondern über die Klein- und Mittelstädte. Dort, wo die allermeisten Menschen Demokratie in Aktion erleben – oder als Enttäuschung.“ Denn es sei längst kein Geheimnis mehr, dass das rechte Spektrum die fehlenden Treffpunkte auf dem Land übernehme, etwa Angebote für Jugendliche schaffe oder Gaststätten gezielt wiederbelebe.
Ein wichtiger Anlaufpunkt – auf dem Land und im urbanen Raum – sind Büchereien, die inzwischen viele soziale Funktionen erfüllen, von der Leseecke bis zur Game Area, aber auch als wärmender Ort für Menschen ohne Obdach. Diese Vielfalt an Aufgaben bringt jedoch auch neue Herausforderungen für das Personal mit sich, hat etwa die Bundeszentrale für politische Bildung erkannt und das Projekt „Land.schafft.Demokratie“ ins Leben gerufen. Gemeinsam mit dem Deutschen Bibliotheksverband werden Büchereien, speziell an Orten mit bis zu 50 000 Einwohnern, bei Formaten zu Demokratie, Dialog und Vielfalt vor Ort unterstützt.
Auch für Arne Ackermann, Direktor der Münchner Stadtbibliothek, sind Bibliotheken längst weit mehr als Orte der Buch- und Medienausleihe: Sie sind demokratische Räume, „Garanten der Informationsfreiheit“ und „Grundpfeiler einer Demokratie“, wie er mit Blick auf Artikel 5 des Grundgesetzes betont. Dabei verstehe sich die Bibliothek zwar als parteipolitisch neutral, im Sinne politischer Bildung aber ausdrücklich nicht als werteneutral: Demokratische Werte werden hier über Kultur, Programm und Teilhabe vermittelt. „Unser Auftrag ist es beispielsweise, möglichst im Hinblick auf die Zusammensetzung unserer Stadtgesellschaft ein repräsentatives Angebot zu schaffen – und wir sind in München eine sehr vielfältige Stadtgesellschaft“, so Ackermann. Ob Fragen nach der Auswahl der Bücher, Veranstaltungen wie Drag-Queen-Lesungen oder Info-Abende zu Banned Books – immer größer werde der Druck aus dem rechten Spektrum, berichtet Ackermann. Umso wichtiger seien die politische Unterstützung und das zivilgesellschaftliche Engagement. „Demokratie misst sich am Umgang mit Minderheiten. Als öffentliche Bibliothek müssen wir sehen, dass wir inklusiv bleiben – also für alle offen.“ Auch die aktive Sprach- und Leseförderung spiele hier eine große Rolle – denn „Lesekompetenz ist eine ganz wichtige Voraussetzung für Demokratie.“
Kaum irgendwo sonst, sagt Ackermann, begegnen sich zudem so viele unterschiedliche Menschen wie in Bibliotheken. Gerade in Zeiten intensiver Digitalisierung erfahren solche physischen Orte eine neue Aufwertung, weil das Bedürfnis nach realer Anwesenheit, Kontakt und selbstbestimmtem Aufenthalt wachse. Wie groß dieser Bedarf ist, zeigen die Zahlen: Die Münchner Stadtbibliotheken zählten 2025 insgesamt fünf Millionen Besuche, die neuen Standorte Gasteig HP8 und Gasteig Motorama verbuchten nach dem Umzug der Zentrale mit insgesamt 1,6 Mio. Besuchen in 2025 sogar neue Rekordwerte. Ackermann und sein Team labeln dabei das traditionelle Programm wie Lesekompetenz zum Teil neu und reagieren auf die veränderten Bedürfnisse mit Formaten wie barrierefreien, mobilen Mediendiensten oder offenen Gaming-Treffs für Jugendliche oder Brettspiel-Treffen für Erwachsene. „Wir haben uns mit der Stadtgesellschaft entwickelt“, sagt Ackermann. Vor allem mit dem Umzug ins Gasteig HP8 und ins Gasteig Motorama habe die Stadtbibliothek dabei bewusst „alte Zöpfe“ abgeschnitten, neue Akzente gesetzt und mehr direkte Beteiligung ermöglicht. Von 7 bis 23 Uhr und an sieben Tagen die Woche können Besucherinnen und Besucher etwa im HP8 nicht nur die offenen Bibliotheksräume nutzen, sondern auch das kostenlose Programm im großen Foyer miterleben – von Salsa-Kursen über Lesungen bis zum Kinder- und Familienfest „Der Gasteig brummt“. Und im Community Lab des Motorama läuft nun eine völlig neue Kooperation: Das Bündnis O.R.T. (Organized Radical Tenderness) bringt Hip-Hop und Diversitätsangebote in die Bibliothek.