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EDITORIAL

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LIEBE LESERIN, LIEBER LESER

«Ich habe niemanden auf der ganzen Welt, dem ich vertrauen kann.» Der etwa siebenjährige Roy in Rio de Janeiro hat diese Worte auf seinen Pappteller geschrieben. Papier ist in den Armenvierteln von Rio Mangelware. Eine Gruppe von Christen arbeitet hier im Rahmen eines Sommereinsatzes mit Kindern, die Missbrauch durch Drogen und Gewalt erleben. Wie ein Magnet ziehen sie die Kids an. Da hat jemand Zeit und interessiert sich für sie – eine ungewohnte Erfahrung. Täglich kommen mehr Kinder, um zu spielen, zu singen und Geschichten aus der Bibel zu hören. Selbst vom Leben längst abgebrühte Jungs malen die erzählte Geschichte begeistert mit Kreide auf den Boden.

Ausser Roy. Er ist in sich gekehrt, seine Augen blicken leer. Auch die lustigsten Spiele vermögen kein Lächeln auf sein Gesicht zu zaubern. Er kann nicht über die zentnerschwere Last in seinem Herzen sprechen. Mit niemandem. Alex setzt sich zu ihm, ein kleines Porzellan-Herz in seiner Hand. Die Zeit scheint stillzustehen, als er diesem Kind von dem einen, wahren Freund erzählt, der ihn niemals verlässt, der ihn unendlich liebt und sein Herz frei macht von allem Bösen, was andere ihm oder er selbst getan hat. Der darauf wartet, in seinem Herzen wohnen zu dürfen, um ihn zu führen. Der Junge schaut auf. In seine Augen ist Leben zurückgekehrt: «Oh ja, ich will Jesus zum Freund!»

«Die Segensspuren von Christen haben Ewigkeitswert, wenn sie Menschen mit Gott in Kontakt bringen.»

Peter Hahne

Am nächsten Tag kommt Roy angerannt, zieht freudestrahlend das kleine Herz aus seiner Hosentasche und hält es Alex hin: «Ich habe nun für immer einen Freund. Mein Herz ist ganz leicht geworden!» Wie ausgewechselt ist der Junge, schier unglaublich! Das Leben in den Favelas von Rio hat sich nicht verändert. Es ist noch immer ein Ort, den man niemandem zum Leben wünscht – schon gar nicht einem Kind. Doch der Freund an Roys Seite macht den alles entscheidenden Unterschied. Jesus enttäuscht das Vertrauen des Jungen nicht. Er hat dieses einsame, verlassene Kind gesehen und wird für es sorgen. Davon bin ich überzeugt. So ist Gott. Ich bete, dass für Roy niemals eine andere Freude grösser wird als die Nähe zu seinem Freund.

Das Wunder, von Gott geliebt und wertgeachtet zu sein, hat auch das Herz einer jahrelang missbrauchten, nun erwachsenen Frau erreicht. Lesen Sie darüber ab Seite 18.

Im Interview «Beste Freunde» erzählt Christine Walch, siebenfache Mutter, Lehrerin und Autorin, von ihren Freundschaften mit Menschen aus unterschiedlichsten Kulturkreisen und quer durch alle sozialen Schichten (ab Seite 22). In unserer Freundlichkeit spiegelt sich Gottes Liebe. «Die Segensspuren von Christen haben Ewigkeitswert, wenn sie Menschen mit Gott in Kontakt bringen» (Peter Hahne). Hinterlassen wir solche Segensspuren in unserer Umgebung? Wir können sie nicht selber machen und oft auch nicht sehen, aber wir können uns an unseren Herrn Jesus hängen. Durch ihn sind wir gesegnet und dürfen Segen weitergeben. «Es ist dir gesagt, Mensch, was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott» (Micha 6,8).

In der Nachfolge Jesu gibt es auch Anfechtung und Leid. Dies hat der Herr uns nicht verschwiegen. Christen werden «zur Schau gestellt», bedrängt, inhaftiert oder gar getötet – bis wir einst bei ihm sind. «Wir müssen das Ende im Auge behalten, um in der Mitte zu bestehen», sagte eine Anwältin, die verfolgte Christen in Indien vertritt. Wie wahr! Das nebenstehende Zeugnis von Hyeon Soo Lim, der das Leiden um Jesu willen schmerzlich erlebt hat, bewegt mich sehr. Mehr zum Thema «Nachfolge» finden Sie im Artikel von Thomas Lange, ab Seite 28.

Jeder, der Jesus sein Leben gibt, findet in Ihm den wahren Freund und eine ewige Heimat. Die Frage ist: Wird diese Freude in meinem Leben für andere sichtbar?

Herzlich, Ihre

Daniela Wagner-Schwengeler