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EDITORIAL

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LIEBE LESERIN, LIEBER LESER

Der Dichter Shelley berichtet von einem Reisenden, der in der Wüste zwei riesige steinerne Beine und in der Nähe einen zerschmetterten, halb im Sand vergrabenen Kopf fand. Auf dem Sockel, der einst das stolze Bild getragen hatte, waren die Worte geschrieben: «Mein Name ist Osymandias, König der Könige: Schaut meine Werke an, ihr Mächtigen, und verzagt!» «Und», so fährt der Dichter fort, «sonst blieb nichts. Rings um die Trümmer des gewaltigen Wracks nichts als endlose Wüste, nichts als kahle Sandhügel, so weit das Auge reicht.» (A. W. Tozer, Tägliche Andachten)

Was ist ein Menschenleben wert? Hat es überhaupt einen Wert? Wenn ja, wann beginnt er? Nach der Geburt? Bereits davor? Solange der Körper «betriebstauglich» ist? Bei welchem Behinderungsgrad verfällt er? Ab welcher Pflegestufe? Mit dem Tod? Weshalb hat ein Regenwurm keine Sinnkrise und keine Selbstmordgedanken, obwohl er Vogelfutter wird?

Daniel Schulte geht in seinem Beitrag «Ultimativ Mensch» (ab Seite 14) auf die Suche nach sich selbst. Wer nicht weiss, wer er ist, kann auch nicht «artgerecht» leben. Alles hängt von der Antwort auf diese Frage ab. Ein akademischer Titel, ein herausragendes Talent, zahlreiche Erfolge, gute Werke – all das beantwortet die Frage nach meiner Identität nicht. Auch der einst über die Landesgrenzen hinaus bekannte Chirurg wird im Altersheim, am Rollator gehend, nicht mehr als Kapazität in Weiss wahrgenommen. Die Zeit rafft weg, was wir in der Vergangenheit fälschlicherweise mit Identität und Wert verwechselt haben.

Aus der Wirtschaft kennen wir die Formel: Die Nachfrage bestimmt den Wert. Wer fragt nach mir? Freunde, Familie, die Firma? Ich bleibe genauso wenig wie der berühmte König Osymandias. Wenn sich mein letzter Tag zu Ende neigt, finde ich mich bei meiner Anfangsfrage wieder, die ich sowieso ein Leben lang nicht los werde: Was bin ich wert?

«Und eure Kraft wird sich umsonst verbrauchen.»

3. Mose 26,20

Ich bin wertvoll, weil der heilige Gott nach mir fragt. Weil er mich, unabhängig von meiner Leistung, zum höchsten Preis, zum Preis seines Sohnes, erkauft hat, um mich in seine ewige Gemeinschaft hineinzuretten. Einen höheren Preis hat nie jemand für ein Menschenleben bezahlt! Das Leben aus ihm macht uns zu dem, was Gott ursprünglich mit dem Menschen im Sinne hatte. A. W. Tozer schreibt weiter: «Shelley hat recht, bis auf eines: Noch etwas bleibt! Das ist Gott. Er war der Erste, der in freundlichem Erbarmen auf den törichten König herabblickte, der sich im Angesicht des Grabes so schamlos rühmte. Er war auch da, als die wirbelnden Sandkörner den Beweis menschlichen Versagens mit dem Mantel des Mitleids zudeckten. Gott war auch da der Letzte!»

Verankert in seinem Gott konnte Theo Lehmann die Repressalien der Stasi ertragen und froh leben. Er wusste: Auch in dieser Ungerechtigkeit wird der Herr das letzte Wort haben. Lesen Sie dazu das Interview ab S. 20.

Weitere Themen in diesem Heft: Gegründet in Ihm finden Familien zu einem respektvollen Umgang der Vergebung untereinander (S. 24–27). Als Eigentum des ewigen Gottes wird sich auch mein Verhältnis zum Geld verändern (ab S. 44) und an Seiner Hand wirft die Pensionierung und der körperliche Abbau nicht aus der Bahn, sondern befähigt, siegreich zu laufen (S. 38–41).

Investieren wir in ein vergängliches Kunstwerk, das unseren Namen trägt, oder in einen ewigen Bau, der Beständigkeit und Sicherheit gibt? Das tragfähige Fundament dazu ist der Glaube an Jesus Christus. Auf diesem Grund kann wachsen, was ewig Bestand hat. Unsere Kraft wird sich verbrauchen, aber aus Seiner Auferstehungskraft dürfen wir leben.

Herzlich, Ihre

Ihre Daniela Wagner-Schwengeler