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EDITORIAL

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LIEBE LESERIN, LIEBER LESER

Das Handy klingelt. Eine Nachricht meiner Schwester unterbricht mich beim Schreiben des Editorials dieser ethos-Ausgabe: «Ein Lastwagen ist in ein Kaufhaus gefahren. Nach Angaben des schwedischen Fernsehsenders SVT gibt es mehrere Todesopfer und Verletzte. Der Vorfall ereignete sich in der Einkaufsstrasse Drottninggatan, einer grossen Fussgängerzone im Zentrum Stockholms.» Vor vier Tagen bummelten wir zwei durch die Innenstadt Stockholms, auch durch besagte Strasse. Was wäre, wenn wir unsere Reise vier Tage später angetreten hätten?

«Bei Jesus erwarten uns keine psychologischen Kunstgriffe.»

Das «Was wäre, wenn» in Bezug auf mögliche künftige Schreckens-Szenarien macht uns Angst. Die Hoffnung, dass unsere Befürchtungen nicht eintreffen, verhindert, dass wir erstarren. Hoffnung bedeutet Leben, Hoffnungslosigkeit Tod.

Das in die Vergangenheit gerichtete «Was wäre, wenn» hat oft mit Reue über Schuld oder mit verpassten Möglichkeiten zu tun. Sicher ist Ihnen das Klassenzusammenkunft-Phänomen bekannt. Im Vergleich bedauert man, dies und jenes nicht gewagt zu haben, und man fantasiert sich in eine Lebensbiografie der Selbstoptimierung.

Oder belastender: Hätte ich doch dies und jenes nie gesagt, nie getan. Edith Piaf, einst weltberühmte französische Sängerin, setzte diesen quälenden Fragen ein trotziges: «Je ne regrette rien» – ich bereue nichts – entgegen.

«Bereue nichts, was dir ein Lächeln entlockte», las ich kürzlich auf einem schmucken Vintage-Holzbrettchen. Auch wir Christen werden langsam weichgekocht mit solchen Sprüchen: «Wandle Reue nach einer Tat in positive Energie um, indem du dich an das schöne Anfangsgefühl erinnerst, das dich mit Freude und Befriedigung lockte.» Ein Trick, der nicht wirklich funktioniert. Schuld belastet – heute darf man höchstens noch von einem Fehler reden –, bis der Mensch früher oder später daran zerbricht.

Frei sein, zur Ruhe kommen, danach sehnt sich der Mensch mit allen Fasern seines Herzens. Unsere «Hätte-ich-doch-nur-Gedanken» machen nur dann Sinn, wenn sie uns zur Kurskorrektur veranlassen. Die innere Unruhe soll zum Nach- und Umdenken führen. «Wenn euch nun der Sohn (Jesus) frei macht, so seid ihr wirklich frei», sagt uns Gottes Wort (Joh. 8,36). Wie geschieht das?

Bei Jesus erwarten uns keine psychologischen Kunstgriffe. Nicht Schönreden, sondern das Zugeben der Schuld ist der Anfang der Befreiung. Die Bibel spricht von Busse und meint damit Abkehr vom Bösen und Hinwendung zu Gott.

Unsere quälenden Fragen kommen nur unter dem Kreuz Jesu zur Ruhe. Weil er an unserer Stelle die Strafe erlitt, die wir verdient hätten, haben wir eine lebendige Hoffnung.

Kinder Gottes sind dazu berufen, in der Freiheit zu leben. Scham und Selbstvorwürfe können eine verheerende Wirkung in unserem Leben haben. Wer frei sein will, muss einen Schlussstrich ziehen unter das, was nicht mehr zu ändern ist, und im Vertrauen auf Gottes Zusagen weitergehen. «Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was vor mir liegt» (Phil. 3,13 b). Lesen Sie dazu den Artikel ab Seite 18.

Ich bin kein Spielball des Schicksals, sondern durch den Glauben an Jesus Christus Gottes geliebtes Kind. Ob erschöpft, mutlos, leer oder mit unerfüllten Wünschen – Gott hat stets das Beste für uns im Sinn. Glauben wir das? In seinem Frieden bekommen wir die Kraft, weiterzugehen und Segensträger für andere zu sein.

Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass die Artikel in diesem Heft Sie dazu ermutigen.

Herzlich, Ihre

Daniela Wagner-Schwengeler