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EDITORIAL

EDITORIAL

Daniela Wagner-Schwengeler
*Buch: ... trotzdem Ja zum Leben sagen, ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager, dtv

LIEBE LESERIN, LIEBER LESER

In Otsuchi, am Berghang über dem Pazifik, suchen Jahr für Jahr Tausende Japaner ein weisses Telefonhäuschen auf. Der Fischerort in Nordost-Japan wurde am 11. März 2011 durch einen gewaltigen Tsunami verwüstet. 1200 Menschen fielen ihm hier zum Opfer, viele werden nach wie vor vermisst. In der Telefonzelle steht ein altmodisches schwarzes Telefon mit Wählscheibe. Es ist nicht angeschlossen, die Schnur liegt aufgerollt daneben. Hier vertrauen die Besucher dem Windtelefon, wie die wohl berühmteste Fernsprechzelle in Japan heisst, ihre Trauer und Sorge an. «Die Leitung führt ins Nichts, sie sagen es allein dem Wind, der hier weht», so der Mann, auf dessen Grundstück das Telefonhäuschen steht. «Manchmal wird mir all das Leid, das die Menschen mit sich herumtragen, zu viel – das kann einen seelisch überwältigen.»

Die kleine Livia sitzt, den Schulranzen neben sich, auf der grossen Treppe vor dem Schulhaus und schluchzt vor sich hin: «Es ist so schwer!» «Ist dir dein Schulranzen mit den vielen Büchern zu schwer?» «Nein, der ist leicht.» «Verlangt der Lehrer zu viel? Ist die Schule zu schwer, schaffst du deine Aufgaben nicht?» «Nein, das Lernen ist doch nicht schwer!» «Ja, was ist denn so schwer für dich, dass du so weinst?» «Das ganze Leben ist zu schwer, ich glaube, ich schaffe es nicht!»

«Die Stunden, die wir mit Gott verbringen, sind der Brunnen, aus dem unsere Heiligung fliesst – und unsere Freude.»

Dieses sechsjährige Kind bringt auf den Punkt, was die Japaner auf den Hügel treibt, andere in rastloses Tun, in Verzweiflung und Depression stürzt. «Ich schaffe es nicht!», diese schmerzvolle Einsicht ist der Anfang heilsamer Erkenntnis: «Ich brauche einen Sinn im Leben und jemand, der mir hilft, demgemäss zu leben.»

«In das existentielle Vakuum, das da entsteht, wo menschliches Dasein keinen Sinn findet, strömt anderes: Frustration, Verzweiflung, Hass und Gewalt.» Besorgt fragte sich deshalb der jüdische Psychiater Viktor E. Frankl schon 1994: «Wird Gewissensarmut die Armut des 21. Jahrhunderts?» Im Dritten Reich überlebte er mehrere Selektionen, bei denen Menschen entweder in die Gaskammer oder zurück zur Sklavenarbeit geschickt wurden. Über die Zeit nach den grauenvollen Jahren im KZ schrieb er: «Du gehst ein paar Tage nach der Befreiung übers freie Feld, kilometerweit, ... und dann sinkst du in die Knie ... du hörst in dir nur einen Satz, und immer wieder denselben Satz: ‹Aus der Enge rief ich den Herrn, und er antwortete mir im freien Raum.›»* Den Sinngeber allen Lebens zu kennen, war seine Rettung.

Aber auch Christen kennen Zeiten, in denen sie zu verzweifeln drohen! Manches verunsichert, macht Angst, überfordert oder bedrängt. Das (neue) Leben in Jesus kann kein Kind Gottes verlieren, aber das Licht über die Gedanken Gottes. Im Interview spricht der erfahrene Psychiater und Christ, Dr. Martin Steinbach, über Depressionen, deren Ursachen und wie man Betroffene in dunklen Stunden begleiten kann (ab Seite 18).

Wie wichtig es ist, in «guten» Tagen den Freudenräubern zu wehren, um ein fröhliches Gotteskind zu bleiben, zeigt Thomas Lange in seinem Artikel (ab Seite 14, Teil 1). Vieles kann die Freude rauben, aber niemand ist dem wehrlos ausgesetzt.

Gottes Wort ist wie eine Kerze in einem dunklen Raum: «Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen» (2. Petr. 1,19).

«Die Stunden, die wir mit Gott verbringen, sind der Brunnen, aus dem unsere Heiligung fliesst – und unsere Freude» (Randy Alcorn). Nur gut, dass wir dieses Licht haben.

Herzlich, Ihre