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EDITORIAL

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LIEBE LESERIN, LIEBER LESER

«Hallo» ... eine warmherzige Stimme meldet sich am anderen Ende der Leitung. Plötzlich hämmert mein Herz, der Hörer in meiner Hand zittert leicht. Was ist nur in mich gefahren, dass ich diese Frau anrufe? Bestimmt wird meine Anfrage alte Wunden aufreissen. Nun ist es zu spät – ich hätte mich ohrfeigen können. Unsicher taste ich mich vor: «Eigentlich wollte ich Sie fragen, ob ich mit Ihnen ein Interview machen darf. Ihre Geschichte hat mich so berührt, dass ich gerne in «ethos» darüber berichten würde. Doch ich kann gut verstehen, wenn es zu sehr schmerzt und Sie nicht darüber sprechen möchten.» Die Antwort erstaunt mich: «Nein, das mach ich gern. Ich freu mich, dass Sie darüber schreiben wollen.»

Einige Monate später sitzt mir Ursula Link, eine hübsche Frau, gegenüber. Ihre Gesichtszüge wirken sanft. Vergeblich suche ich nach Spuren des Leids oder der Bitterkeit. Das Gespräch mit ihr ist ehrlich, offen, schonungslos. Es geht mir sehr nahe und lässt mich die gesamte Palette der Gefühlsskala durchlaufen. Diese Frau ist ein lebendiges Beispiel für die Liebe Jesu. Der brutale Mord an ihrer Tochter hat den Schrecken verloren. Jesus hat sie von den seelischen und körperlichen Schmerzen geheilt. Aus Ihm heraus konnte sie dem Peiniger ihrer Tochter vergeben. Es war ein langer Weg. Auch Ursula verfügt über keine Spezial-Chromosomen, die sie barmherzig und vergebungsbereit machen und die Gefühle ausschalten.

«Denn die Liebe des Christus drängt uns, ... und er ist deshalb für alle gestorben, damit die, welche leben, nicht mehr für sich selbst leben, sondern für den, der für sie gestorben und auferstanden ist.»

2. Korinther 5,14+15

Wie leben wir? Halten wir erfahrenes Unrecht fest und «vergeben» höchstens, wenn der andere reumütig darum bittet? Was heisst Vergebung? – Schwamm drüber? Keine Gerechtigkeit? Keine Strafe für Schuld?

Ursula Link hat in die Augen des Mannes am Kreuz geblickt. Er hing da, voller Liebe, gemartert, ein Mann mit furchtbaren Schmerzen, wie ein Tier zur Schlachtbank geführt. Schuldlos hing er da für unser Versagen, damit wir Vergebung erlangen können. Ja, er kennt auch ihren Schmerz und hat ihn in Freude verwandelt – etwas Menschenunmögliches, nicht aber für den liebenden Gott.

Wie schön, wenn ein Leben von Seiner Grösse spricht und damit andern ein Wegweiser auf echte, ewige Hoffnung sein darf! Ursula kennt ihren Erlöser, erlebt täglich sein Handeln. Dies ist die Motivation, ihre Geschichte zu erzählen. Viele, Gebundene und Hoffnungslose, haben aufgrund ihres Zeugnisses Jesus ihr Leben anvertraut und Befreiung erlebt. Lesen Sie das berührende Interview ab Seite 6.

Möge dieses Wunder – welches Gott in jedem Leben tut, das sich ihm hingibt – anspornen, aus der Kraft dessen zu leben, der heil macht und ewiges Leben schenkt.

Herzlichst, 
Daniela Wagner-Schwengeler