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PERSÖNLICH

DER TOD DER Wahrheit

Das ist deine Wahrheit, nicht meine», meinte sie, als sie darauf aufmerksam gemacht wurde, dass Gott Ehebruch missbillige. «Niemand hat mir zu sagen, was Recht oder Unrecht ist.»

Dieses Denken ist in der postmodernen Gesellschaft normal geworden. Aber in der christlichen Gemeinde?

Vom bekannten englischen Schriftsteller G. K. Chesterton stammt der bemerkenswerte Satz: «Toleranz ist die Tugend eines Menschen ohne Überzeugungen.»

Jahrhundertelang wurden die Gesetze in der westlichen Welt nach Gottes Normen gemacht. Gottes unveränderliche Wahrheit, die er in seinem Wort offenbart hatte, galt für alle Menschen, an allen Orten und für alle Zeiten. Moral oder Unmoral wurden daran gemessen. Heute vertritt man – interessanterweise mit extremer Intoleranz gegenüber denen, die an einer absoluten Wahrheit festhalten –, dass es etwas Absolutes nicht gebe. Alle Wahrheit sei relativ und subjektiv, von Mensch zu Mensch und von Kultur zu Kultur verschieden. Als Christen erleben wir heute ständig, als Fundamentalisten oder Fanatiker gebrandmarkt zu werden, wenn wir für eine objektive Wahrheit und absolute Normen eintreten. Wir würden den sozialen Frieden gefährden und den Fortschritt verhindern, so die Anklage.

«Denn nicht, was ich über Gott denke, zählt, sondern was Gott über mich denkt. «

In dieser von einer neuen Toleranz geprägten Kultur ist es schwierig geworden, Kindern christliche Werte wie Respekt, Höflichkeit oder Ehrlichkeit zu vermitteln. Wie sollen wir in einer Gesellschaft der Beliebigkeit Jugendlichen auch plausibel machen, dass Wahrheit besser ist als Lüge und Anstand besser als Schamlosigkeit? Wenn alle kulturellen Werte, Glaubensauffassungen und Wahrheitsansprüche gleich sind, läutet man damit auch die Todesglocke der Menschenrechte. Denn dann muss selbst unerhörten und extremsten Ansprüchen dieselbe Behandlung wie allen andern garantiert werden. Ob islamisches Recht, weibliche Genitalverstümmelung, Zwangsverheiratung, das Abhacken der Hände bei Diebstahl oder Witwenverbrennung – wer sollte darüber urteilen? Es gibt ja keinen allgemein gültigen Massstab.

Doch sogar der Philosoph Bertrand Russel, der die Vorstellung einer ultimativen Unterscheidung zwischen Richtig und Falsch lange Zeit leidenschaftlich bestritt, sagte am Ende seines Lebens: «Zu lieben ist richtig, zu hassen ist falsch.» Woher nahm er solche absoluten moralischen Aussagen in einer, wie er behauptete, Gott-losen Welt? Das ergibt keinen Sinn.

Jesus Christus sagt von sich, klar und unmissverständlich: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich» (Joh. 14,6). Jesus ist das fleischgewordene Wort Gottes, die endgültige Offenbarung, die absolute Wahrheit.

Heute denken viele Leute, dass alle Religionen im Grunde gleich seien, nur Variationen ein und desselben Themas. Wie aber können grösstmögliche Gegensätze gleichermassen wahr sein? Im Hinduismus gibt es mehrere unpersönliche Götter. Der Islam hat zwar nur einen, aber vom Charakter her einen völlig anderen Gott. Im Buddhismus gibt es weder Vergebung noch ein personales Gegenüber. Hier ist das Ziel allen Seins das Nirwana, die Auslöschung. Im Christentum ist es das Ziel allen Seins, Gott zu kennen und für immer mit ihm Gemeinschaft zu haben.

Die Einstellung, alle Wege führten zu Gott, ist verführerisch, denn sie enthebt uns der Verantwortung, nach der Wahrheit zu suchen. Aber das, was wir uns da zusammenbasteln, ist nichts anderes als ein Götze, ein Produkt unserer Wünsche. Denn nicht, was ich über Gott denke, zählt, sondern was Gott über mich denkt.

Biblischer Glaube ich nichts anderes als Vertrauen, und Vertrauen setzt überzeugende Beweise für die Vertrauenswürdigkeit auf der einen Seite und echte Hingabe auf der anderen Seite voraus. Es ist nicht so, dass wir die Wahrheit nicht erkennen könnten, die Frage ist vielmehr, ob wir sie wissen wollen.

Yvonne Schwengeler, Jg. 1946, verheiratet, vier erwachsene Kinder, langjährige ethos-Chefredaktorin