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EDITORIAL

Liebe Leserin, lieber Leser

Pflanzen, Tiere, Menschen. Alles Lebendige fasziniert mich. Sogar ein Wüstenskorpion! Ich weiss – dessen Stich ist lebensgefährlich; das ist natürlich übel. Etwas anderes an diesem Tier ist aber überaus erstaunlich. Wie ist es möglich, dass der Skorpion selbst in unwirtlichsten Wüstengegenden auch die heftigsten Sandstürme überlebt? Müsste er mit der Zeit nicht flach geschliffen sein von scharfkantigen Sandkörnern, die wie Schleifpapier und mit Hochdruck über seinen Körper fegen? Genau das wollten Forscher herausfinden. Sie untersuchten den Panzer des Skorpions und sahen, dass dessen Oberfläche voller Beulen und Rillen ist! Dann setzten sie den Panzer in einen Windkanal, um die Reaktion mit einem glatten Panzer zu vergleichen. Ergebnis: Die unruhige, ungeordnet wirkende Skorpion-Oberfläche ist eindeutig im Vorteil! Sie produziert Luftwirbel, die wie Polster wirken und gegen die Sandkörner schützen. So prallen weniger harte Teilchen auf und falls doch, dann mit geringerer Geschwindigkeit. Der Rückenpanzer des Skorpions ist von ausgeklügeltem Design und ich staune über den Designer! Ein grosser Kirchenlehrer soll einmal gesagt haben: «Es gibt keinen Grashalm, keine Farbe auf der Erde, hinter der nicht die Absicht steht, uns zu erfreuen.»

«Herr, wie sind deine Werke so gross und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter.»

Psalm 104,24

Bei diesem schönen Thema fällt mir regelmässig ein jüdischer Witz ein. Der Gelehrte Gamaliel sieht beim Spazierengehen eine Kuh. Sie steht auf einer Wiese und ist mit einem Strick an einen Pfahl gebunden. Ihre Bemühungen, sich zu befreien, scheitern. Das bewegt den feinfühligen Denker. Gamaliel überlegt: «In den Schriften steht, Gott ist weise. Er hat alles wunderbar geordnet. Nun, ist er wirklich weise? Ist es weise, eine Kuh zu schaffen, die man an einen Pfahl binden kann? Was hat die Kuh davon? Sie quält sich und kann doch nicht weg. Warum kann eine Kuh denn nicht fliegen wie ein Vogel? Wäre es nicht viel besser, wenn sie fliegen könnte?» Während Gamaliel weiter sinniert über das Wesen der Kuh, fliegt eine Schwalbe über ihn hinweg und ein schmieriges Häufchen platscht ihm mitten auf den Kopf. Da ruft der Getroffene laut: «Allmächtiger, es stimmt! Du bist weise und hast alles wunderbar gemacht. Behüte uns davor, dass eine Kuh fliegen kann wie ein Vogel. Wie sähe ich denn jetzt aus ...!»

Haben Sie nächstens Urlaub? Dann lassen Sie sich ganz neu erfreuen von der Schönheit der Farben und Formen, von der Vielfalt des weise geordneten Lebens – und danken Sie demjenigen, der dies alles gemacht hat!

Herzliche Grüsse, Ihr Rolf Höneisen