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EDITORIAL

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Daniela Wagner-Schwengeler

LIEBE LESERIN, LIEBER LESER

Es ist noch gar nicht so lange her, lese ich in der Zeitung, da kamen Familien wie selbstverständlich am Tisch zusammen. Hände wurden gefaltet, ein Tischgebet gesprochen, erst dann ging’s los. Heute greift zum Beispiel Elina, 27, zum Smartphone, startet eine App, die Kalorien zählt, und tippt ein, was da auf ihrem Teller liegt. Die irrationale Angst bei der Nahrungsaufnahme greift tief, sie scheint in allen Altersklassen und sozialen Schichten zu hocken: Da sind die Asketen, die Angst haben, zu dick zu werden und nicht mehr attraktiv und fit genug für den Arbeitsmarkt. Da sind die Veganer, die sich ums Tierwohl sorgen, gefolgt von den Pescetariern, Flexitariern, Frutariern und anderen -ariern.

Für die einen ist Fleisch ein Stück Lebenskraft, ganz besonders in Gegenden, wo Hunger herrscht (hier wird klar, dass «der Verzicht» eine Wohlstandserscheinung ist), für die anderen geraubtes Tierleben. Die einen wollen den Tieren, der Gesundheit und dem Planeten zuliebe auf Wurst und Schnitzel verzichten. Sie setzen auf pflanzliche Ernährung. Schnell wird Fleischessen zum moralischen Makel, zur zentralen Gewissensfrage und Veganismus zur Ersatzreligion. Du bist, was du isst – also gut oder böse. Es tobt ein Glaubenskrieg ums Essen.

Auch Christen beschäftigt das Thema – die einen mehr, die anderen weniger. Man wiegt das Zuviel an Pfunden, steht grübelnd vor dem Selbstbedienungsregal im Supermarkt, ist verunsichert angesichts regelmässiger Lebensmittelskandale und übernimmt irgendwelche Ernährungsratschläge, die manchmal geradezu leidenschaftlich ins christliche Glaubensgut eingefügt werden. Das Spektrum reicht von seriös-wissenschaftlich bis esoterisch. Rainer Imming, Lebensmittelchemiker, hat sich intensiv damit beschäftigt, was die Bibel zum Thema Ernährung sagt. Lesen Sie dazu das Interview ab Seite 24.

Viele sind zu satt geworden! Die übervollen Lebensmittelregale haben Gott überflüssig gemacht. Man glaubt nicht mehr an Gott, dafür an unzählige Theorien, die ewige Gesundheit versprechen.

Ernährung – die neue Religion. Kürzlich blätterte ich in einem Buch eines «Ernährungs-Papstes». Missionarisch – mit Feuereifer – wird ein gesundes Essverhalten beschrieben. Die Sätze ziehen in Bann, fast meine ich, dieses oder jenes Kraut kaufen zu müssen. Die Anti-Aging-Lebensmittel wirken garantiert vorbeugend, nachhaltig und machen gesund. Gewohnheitsmässig schlage ich den Klappdeckel des Buches auf. Der Autor starb mit 59 Jahren. Auch wer gesund stirbt, ist definitiv tot. Die Sehnsucht nach dem ewigen Leben, das die Leute letztlich in dem Gesundheitskult zu erreichen suchen, schlägt fehl.

Kreisen meine Gedanken von morgens bis abends darum, was und wie viel ich wann esse, dann ist klar, dass das Essen einen falschen Stellenwert in meinem Leben hat. Was uns Gott gegeben hat, dürfen wir dankbar und verantwortungsvoll geniessen. Es geht ihm weder um menschliche Askese noch um Genusssucht. Jesus sagte: «Begreift ihr noch nicht, dass alles, was zum Mund hineinkommt, in den Bauch kommt und in den Abort geworfen wird? Was aber aus dem Mund herauskommt, das kommt aus dem Herzen, und das verunreinigt den Menschen. Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsche Zeugnisse, Lästerungen. Das ist’s, was den Menschen verunreinigt!» (Matth. 15,17– 20) und: «Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung ...?» (Matth. 6,25). Jesus will unsere Nahrung sein. Dass wir nach dem lebendigen Wasser fragen und Ihn erkennen als das Brot des Lebens, das unseren Lebenshunger für immer stillt. Nähren wir uns von Ihm, von Seinem Wort? Die Gesundheit geht früher oder später, aber das Heil in Jesus bleibt.

«ERnährt» heisst der Titel dieses Heftes – in diesem Sinne eine sättigende Lektüre.

Herzlich, Ihre