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NACHGEDACHT

Ein Obdachloser

Dieser Sonntag war ein kalter Wintertag. Der Parkplatz der Kirche füllte sich schnell. Als ich aus meinem Wagen ausstieg, bemerkte ich, dass die anderen Gemeindemitglieder miteinander tuschelnd zum Gemeindehaus hinübergingen. Beim Näherkommen sah ich einen Mann, der an der Mauer unserer Kirche kauerte. Er lag beinahe da, als würde er schlafen. Sein langer Trenchcoat hing nur noch in Fetzen an ihm herunter, und der Hut auf seinem Kopf war so tief in die Stirn gezogen, dass man sein Gesicht nicht erkennen konnte. Seine Schuhe wirkten sehr alt, zu klein für seine Füsse, sie waren durchlöchert und seine Zehen schauten heraus. Ich nahm an, dass dieser Mann obdachlos war und sich vor unserer Kirche zum Schlafen gelegt hatte, darum ging ich an ihm vorbei und betrat das Gotteshaus.

Wir plauderten ein paar Minuten miteinander, und schliesslich brachte jemand den Mann, der vor dem Gemeindehaus lag, ins Gespräch. Die Leute schnaubten verächtlich und tratschten über ihn, aber niemand machte sich die Mühe, ihn hereinzubitten, auch ich nicht. Kurz darauf begann der Gottesdienst. Wir warteten alle darauf, dass der Prediger aufstand und nach vorne trat, als die Tür aufging. Herein kam der obdachlose Mann. Mit gesenktem Kopf schritt er durch die Mitte. Die Leute schnappten nach Luft, tuschelten miteinander und verzogen angewidert das Gesicht. Er ging nach vorn zur Kanzel, wo er Hut und Mantel ablegte. Ich erschrak. Da stand unser Pastor – er war der «Obdachlose». Keiner sagte ein Wort. Der Pastor nahm seine Bibel und legte sie auf die Kanzel: «Leute, ich glaube nicht, dass ich euch sagen muss, worüber ich heute predigen werde.» 

Autor unbekannt

«Wenn Gott wissen will, wie sehr ich Ihn liebe, dann fragt Er nicht mich, sondern meinen Nächsten.» 

Walther Lüthi

«Gott bittet uns, Ihn zu lieben, nicht weil Er unsere Liebe zu Ihm braucht, sondern weil wir unsere Liebe zu Ihm brauchen.» 

Franz Werfel