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EDITORIAL

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LIEBE LESERIN, LIEBER LESER

Diese 2000 Jahre «alten» Worte, die der Herr den Jüngern vor seinem Leidensweg ans Herz legte, sind von ungeheurer Schlagkraft. «Letzte Worte» haben ein ganz besonderes Gewicht. Sie klingen noch lange nach. Was war Jesus so wichtig angesichts seines bevorstehenden Todes? Was wollte Er seinen Kindern als letztes Vermächtnis mitgeben? – Es ist der Auftrag zu lieben, so wie ER uns liebt: selbstlos, opferbereit.

Ungefragt ziehen andere «letzte Worte» ihre Kreise in meinem Kopf und korrelieren mit der Aufforderung Jesu. Sie kommen aus einer Begegnung, kurz vor meiner Bibellese. Ich fühle mich zu Unrecht beschuldigt, bin verärgert, empört. Plötzlich wird es praktisch. Gott wird gerne persönlich. Zuschauer und blosse Bewunderer sind nicht sein Ding. Okay, ich vergebe, doch ein bisschen Ärger und Selbstmitleid, ein wenig Nachtragen steht mir doch zu. Oder etwa nicht? Was ist das für eine Liebe, von der Jesus spricht?

«Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten.» «Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, gleichwie ich euch geliebt habe.»

(Johannes 14,15 und 15,12)

Ein bekannter Bibelausleger, der an einer christlichen Universität lehrte, trat von allen Ämtern zurück und kündigte seinen Job, um seine Frau zu pflegen, die bereits Anfang 50 an Alzheimer erkrankte. Es dauerte nicht lange, bis sie ihre geistigen Fähigkeiten weitgehend verloren hatte. Ihr Mann musste sie füttern. Auch die Fähigkeit zu sprechen hatte sie weitgehend eingebüsst. Sie sabberte und gab gurgelnde Laute von sich. Trotzdem sorgte er tagaus, tagein für sie. Seine Freunde versuchten ihn davon zu überzeugen, sie doch in ein Heim zu geben, und bedrängten ihn, er solle doch seine Karriere nicht opfern und seine Zeit vergeuden. «Sie erkennt dich doch gar nicht!», riefen sie ihm ins Gedächtnis. «Sie weiss nicht einmal mehr, wer du bist!» Schliesslich versuchte jemand, ihn umzustimmen, indem er ihm Schuldgefühle machte: «Du vernachlässigst deine gottgegebene Berufung!»

Seine Antwort auf all diese Argumente ist beeindruckend. «Ihr habt recht», erwiderte er. «Sie weiss wirklich nicht, wer ich bin. Aber ich weiss doch, wer sie ist. Und ich habe ihr mein Wort gegeben, dass ich für sie da sein werde, bis dass der Tod uns scheidet.»

Dieser Mann hat Liebe verstanden und das getan, was Gott ihm aufs Herz gelegt hatte (Das heisst keinesfalls, dass es lieblos ist, den Ehepartner ins Heim zu geben, falls es die Situation erfordert.). Es gibt Zeiten, in denen wir unser persönliches Glück zurückstellen müssen, um eine Aufgabe zu erfüllen, die Gott uns aufgetragen hat – unter Umständen auch entgegen gut gemeinter, menschlicher Ratschläge.

«Du musst als Christ nicht die ganze Welt lieben. Du musst nur den Menschen lieben, der gerade vor dir steht, das genügt», sagte der Evangelist Hans Peter Royer.

Die Liebe, die Jesus uns vorgelebt hat, ist der Schlüssel zu einem erfüllten Christenleben. Mein Ego legt mich in Ketten, doch Jesus kann sie sprengen. Die Liebe ist kein Selbstläufer und keine Ersatzreligion, sondern an Jesus gebunden. Seine Liebe kann in unserem Leben nur offenbar werden, wenn unsere erste Liebe Ihm gilt. «Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat» (1. Joh. 4,19).

Tertullian (früher christlicher Schriftsteller, 150 n. Chr.) war von dieser Liebe so beeindruckt, dass er schrieb: «Schaut, wie diese Christen einander lieben. Wie sie bereit sind, füreinander zu sterben!» Diese Liebe kann ich nicht wirken, sie ist die Frucht meiner Beziehung zu Jesus.

Jesus sagt: «Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt» (Joh. 13,35).

Es wäre schön, wenn uns alle dieses Erkennungsmerkmal auszeichnen würde – zum Lob der Herrlichkeit Seiner Gnade.

Herzlichst,

Daniela Wagner-Schwengeler