<
EDITORIAL

LIEBE LESERIN, LIEBER LESER

«Gott schafft aus dem Nichts. Deshalb kann Gott aus einem Menschen erst etwas schaffen, wenn dieser Mensch zu nichts geworden ist.»
Martin Luther

Der Mensch ist gottgleich geworden, davon ist Yuval Noah Harari, Universalhistoriker und Bestsellerautor, überzeugt. «O Herr, mögest du Regen bringen, unserem Geschlecht Nachwuchs schenken und uns schützen bis ins hohe Alter», sind seiner Meinung nach Gebete von gestern. «Heute lebt er mitten unter uns, der Gott, der sich um die Bewässerung von Feldern kümmert und die menschliche Fortpflanzung im Griff hat. Mithilfe von Wissenschaft und Technik hat der Mensch die Macht, seine Geschicke selbst zu lenken. Kriege und Krankheiten sind auf dem Rückzug, weltweit steigt die Lebensqualität. Selbst die Sache mit dem Sinn hat der Mensch in eigene Hände genommen und den Humanismus zur neuen Religion erhoben. Wo früher Gottes Gesetz für ein moralisches Reglement sorgte, tauscht der moderne Mensch sich so lange über seine Gefühle und Erfahrungen aus, bis er einen Weg gefunden hat, der zu ihm passt.»

Weil die Visionen von gestern die Sonderangebote von heute sind, hat sich vielerorts ein Machbarkeitswahn breitgemacht. Der Mensch hat zweifellos vieles geschafft. Das verleitet ihn dazu, sich autonom und als Freigeist zu fühlen. Serien-Erfolge und immer neue, bahnbrechende Erkenntnisse krönen diese Thesen, wenn uns nicht in plötzlich auftretenden Naturkatastrophen, in Krieg, Leid und Tod immer wieder die Realität einholte.

Im Magazin «Die Welt» schreibt der bekannte deutsche Publizist Henryk M. Broder: «Über dem Machbarkeitswahn haben wir Demut verlernt. Das ist das Ergebnis einer brachialen Säkularisierung, die den Glauben abgeschafft und einen neuen Aberglauben etabliert hat: ‹Alles ist machbar, und nichts ist unmöglich›, ist zum Leitmotiv des Fortschritts geworden. Die Zehn Gebote sind auf zwei eingedampft worden: ‹Du kannst es. Du schaffst es›.» Mehr dazu im lesenswerten Artikel von Nicola Vollkommer «Ihr werdet sein wie Gott», ab Seite 6.

Wenn die Bibel davon spricht, dass wir Gottes Nachahmer sein sollen (Eph. 5,1), meint sie nicht Selbsterhöhung, sondern erst einmal das Wissen um unsere Erlösungsbedürftigkeit. Wir müssen begreifen, dass uns aufgrund unserer Schuld eine unüberwindbare Kluft vom heiligen Gott trennt und wir auf ewig verloren sind ... hätte sich Jesus nicht als lebendige Brücke über den Abgrund gelegt! Wir können Gott nichts bringen. Alles ist Gnade, unverdiente Liebe. Allein aus dieser Erkenntnis entsteht wahre Demut, Zerbruch und eine freudige Unterwerfung unter Gottes Willen. Der Schöpfer hat ein Anrecht auf unser Leben! Er ist Gott und teilt seine Ehre nicht. Mit niemandem. Darin ist er unmissverständlich (Jes. 42,8).

Der Stolz hält auch Christen immer wieder fest im Griff. Glück, Ehre und Ansehen bei den Menschen – das ist doch oft unser Bestreben. Eine Nachfolge ohne Leiden: «Wir wollen siegen, ohne zu leiden – eine Krone, ohne am Kreuz vorbeigezogen zu sein.» (Nancy Leight DeMoss)

Unsere Herzen müssen erneuert werden. Gottes Gunst wird weder mit religiösen Taten noch frommem Benehmen erlangt. Das einzige Opfer, das Gott wirklich annimmt, ist ein demütiges, zerbrochenes Herz: «Denn so spricht der Hohe und Erhabene, der in Ewigkeit wohnt und dessen Name der Heilige ist: In der Höhe und im Heiligen wohne ich auch bei dem, der zerschlagenen und gebeugten Geistes ist, um zu beleben den Geist der Gebeugten und zu beleben das Herz der Zerschlagenen» (Jes. 57,15). Gott allein gehört die Ehre!

Herzlich, Ihre

Daniela Wagner-Schwengeler