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EDITORIAL

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LIEBE LESERIN, LIEBER LESER

Welche Musik hörst du am liebsten? Welches ist dein Lieblingsgetränk, dein liebstes Hobby? Bestimmt kennen Sie solche und ähnliche Fragen aus Poesiealben. Sie zu beantworten, ist meist nicht schwierig. Doch zwei Fragen haben mich länger zum Nachdenken gebracht, nämlich: Was sind deine Stärken? Was sind deine Schwächen?

In meinem Glaubensleben sind Stärke und Schwäche oft unzertrennlich wie zwei Seiten einer Medaille. Auf der einen findet sich die Stärke als Talent. Dreht man die Medaille aber um, wird aus dem Talent oder der Gabe Schwäche. Wie kommt das?

«Die Ernte ist gross, aber wenige sind der Arbeiter.»

(Jesus zu seinen Jüngern in Matthäus 9,37)

Dort, wo natürliche Begabungen vorhanden sind, lasse ich mich oft zu eigenmächtigem Handeln verleiten und nehme vorweg, was Gott in seiner Allmacht, Weisheit und Liebe viel besser gemacht hätte. Nehme ich mir die Zeit zu prüfen, ob mein Wille auch sein Wille ist? Meine Möglichkeiten sind nicht automatisch Wegweiser Gottes. Wer sich leicht tut, schnell Entscheidungen zu treffen, steht in der Gefahr, vorwärtszupreschen und die eigene Weisheit zum Routenplaner im Leben zu erklären. Marketingmässig wird vorgegangen, Erfolgsquoten werden ins Feld geführt und Gott darf obendrein seinen Segen geben. Gerade Menschen mit vielen Talenten stehen in grosser Gefahr, so am Willen Gottes vorbeizuleben, und werden stolz statt demütig. Die eigene Stärke entpuppt sich als Schwäche.

Andererseits gibt es Christen, die meinen, bei der Vergabe der Talente übergangen worden zu sein. Zwar sind sie theoretisch davon überzeugt, dass Gott einen wunderbaren Auftrag für jedes seiner Kinder hat, die Botschaft vom Kreuz und der Versöhnung mit Gott allen Menschen zu bringen. Trotzdem können sie sich nicht vorstellen, wofür Gott sie gebrauchen könnte. Untalentiert, unfähig, ist ihr Schluss. Eine solche Überzeugung nistet sich dann in ihren Köpfen ein, wenn sie die Talente ihres Nächsten begehren oder sie vor Aufgaben stehen, denen sie sich nicht gewachsen fühlen. Wenn Gott uns aber in eine Arbeit ruft, können wir gewiss sein, dass er keine strategischen Fehler macht, sondern uns auch dazu befähigt. Er kann Wege führen, die die Möglichkeiten unseres Denkens sprengen. Mose ist dafür ein eindrückliches Beispiel.

So kann unsere Ohnmacht in Gottes Vollmacht münden! Das Bewusstsein der eigenen Schwäche wird zur Stärke. Vorausgesetzt, wir geben unsere Schwachheit ganz in seine Hand, uns selbst ihm ganz hin. Das Erleben, wie Gott unsere Schwächeseite dreht und wir durch ihn stark werden, ist etwas Grossartiges (vgl. 2. Kor. 12,9). Welche Liebe, dass der Vollkommene unvollkommene Werkzeuge wie uns brauchen will!

Entscheidend für Gott ist nicht, wie viele Talente wir haben, sondern ob wir ihm mit denen, die er uns geschenkt hat, zur Verfügung stehen, sie für ihn einsetzen. Das allein zählt.

«Du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über vieles setzen» (Matthäus 25,21). Wie schön, wenn Gott das einmal zu uns sagen kann!

Herzlichst, 
Daniela Wagner-Schwengeler