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EDITORIAL

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LIEBE LESERIN, LIEBER LESER

Wissen Sie, was «Opferanoden» sind? Im Zusammenhang mit der Elektrolyse kann ich mich schwach an Begriffe wie Anode und Kathode erinnern, das war’s dann aber auch schon. Ein junger Mann, der sich beruflich mit der Leitfähigkeit von Metallen und deren chemischen Reaktionen befasst, machte mich in einem interessanten Vergleich darauf aufmerksam.

Die Opferanode, auch Schutzanode genannt, verdankt ihren Namen ihrer Funktionalität. Sie opfert sich wortwörtlich auf, um den Gegenstand zu schützen, an dem sie befestigt wird. Beispielsweise einen Schiffsrumpf, wie das Bild unten zeigt. Zweck einer Opferanode ist also der Schutz vor Schäden oder gar totaler Zerstörung, die durch eine Korrosion hervorgerufen werden kann. Die Auswirkungen dieser chemischen Reaktion sind nämlich alles andere als harmlos. Korrosion kommt vom lateinischen «corrodere» und heisst: zersetzen, zernagen oder auch zerfressen. Einfach erklärt ist die Opferanode somit einzig dafür da, damit nicht das ganze Schiff vom Rost zerfressen wird, sondern nur sie selbst.

In wenigen Tagen feiern wir wieder Ostern. In Römer 8,32–39 heisst es: «Er, der doch seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben hat – wie wird er uns mit ihm nicht auch alles schenken? Wer wird gegen Gottes Auserwählte Anklage erheben? Gott ist es, der rechtfertigt. Wer ist, der verdamme? Christus Jesus ist es, der gestorben, ja noch mehr, der auferweckt, der auch zur Rechten Gottes ist, der sich auch für uns verwendet. Wer wird uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Angst oder Verfolgung oder Hungersnot oder Blösse oder Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht: ‹Deinetwegen werden wir getötet den ganzen Tag; wie Schlachtschafe sind wir gerechnet worden.› Aber in diesem allen sind wir mehr als Überwinder durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin überzeugt, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, noch Mächte, weder Höhe noch Tiefe, noch irgendein anderes Geschöpf uns wird scheiden können von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.»

So wie die Opferanode sich für das ganze Schiff hergibt, so hat Jesus sich für Sie und mich am Kreuz geopfert. Doch wie eine Anode nichts bringt, wird sie nicht am Rumpf montiert, so «bringt» Jesu Tod nichts, wenn der Mensch seine Schuld Ihm nicht bekennt. Es gilt, eine Entscheidung zur Umkehr zu treffen, sich mit dem Gottessohn zu verbinden und unter seiner Führung in Beziehung mit ihm zu leben.

Auf ganz besondere Weise verdeutlicht die Erzählung «Eine geheimnisvolle Krankheit» (ab Seite 6), was es den heiligen Gott gekostet haben muss, sich für uns seinen Sohn vom Herzen zu reissen. Im Unterschied zu der Geschichte entschied sich Jesus aus Liebe freiwillig dafür, zum Opferlamm für die ganze Menschheit zu werden. Dies obwohl er wusste, dass die «Hosianna»-jubelnde Volksmenge, die ihn zum König machen wollte, sich wenig später zum brüllenden Mob verwandeln würde, der gegen ihn die Fäuste hob und schrie: «Kreuzige ihn!»

Gottes Liebe macht sprachlos. Ich kann sie nicht begreifen, aber meine Antwort darauf soll sein: «Mein Heiland, Du, der Gerechte, starbst für mich. Du hast mich als dein Eigentum erworben, um mich aus der Macht der Finsternis zu retten und mir Gutes zu tun. Dir will ich leben, Herr. Ich gehöre dir. Dir zu dienen ist mein Privileg!»

Ja, Einer für alle! Jesus für die ganze Menschheit. Wie schön wäre es, wenn die Antwort darauf wäre: Alle für den Einen! Christen sind aufgefordert, jedem von der Rettung, die in Jesus Christus bereitliegt, zu erzählen. Insofern können auch die mit Corona verbundenen Ängste und Unsicherheiten Auslöser sein, dass Menschen, die ihren vermeintlichen Halt verloren haben, nach einem unvergänglichen und absoluten Felsen fragen. Die Bibel sagt jedoch voraus: Es werden nur wenige sein, die ihr Leben dem wahren König weihen und ihm aus Dankbarkeit dienen.

«Einer für alle! Jesus für die ganze Menschheit. Wie schön wäre es, wenn die Antwort darauf wäre: Alle für den Einen!»

Doch auch Nachfolger von Jesus bauen immer wieder am eigenen Reich, anstatt an Gottes Zielen. Die eigene Ehre, statt Seine. Das eigene Ansehen, statt Ihn zu verherrlichen. Irdisches Glück und das persönliche Wohlergehen rücken in den Fokus, sich Schätze im Himmel ohne Verfallsdatum zu sammeln, gerät in Vergessenheit.

Könnte es vielleicht auch sein, dass Gott seine Kinder durch Corona gewisser Dinge beraubt, damit sie wieder Ihn, den Geber selbst, suchen, anstelle der Gaben? Kürzlich las ich dazu in einem Artikel von Andreas Reh: «Wenn die Lehre ihren Urgrund, den Herrn selbst, aus dem Blickwinkel verliert und sich ‹Gelehrte› über Pandemieverordnungen streiten, wenn die Gemeinschaft nur noch dem Generieren eines schönen «Wir-Gefühls» dient und nicht Ihn zum Zentrum hat, dann mag Gott uns vielleicht eine Zeit lang der Gemeinschaft berauben, bis wir in der schmerzenden Einsamkeit wieder Ihn suchen. Wenn das Abendmahl leere Liturgie geworden ist, pauschaler Zuspruch von Vergebung ohne Lebensbeziehung zum Vergebenden, dann mag Gott uns vielleicht eine Zeit lang des Brotbrechens berauben, bis wir endlich statt des Tisches des Herrn wieder den Herrn des Tisches sehen, der uns zu Brot und Wein geladen hat. Wenn das gemeinsame Gebet missbraucht wird, um «Geistlichkeit» zur Schau zu stellen oder zu einem gedankenlosen Rezitieren verkommt, dann mag Gott uns eine Zeit lang das gemeinsame Gebet nehmen, bis wir Ihn wieder suchen im stillen Gebet im Kämmerlein. Wenn unser gemeinsames Singen sich abgekoppelt hat von unseren Herzen, dann mag Gott eine Zeit lang den Chor verstummen lassen, bis Er auch mein Herz wieder Ihm singen hört.»

Berauben uns Pandemiemassnahmen, oder ist es vielleicht Gott, der von uns ganz neu gesucht sein will? Möglich, dass Gott uns eine Zeit lang vieles, was selbstverständlich war oder worauf wir ein Recht zu haben meinen, nimmt. Seinen Sohn aber lässt er uns! Und vielleicht sehen wir dann wieder Ihn, Ihn allein. Frohe Ostern!

Herzlich, Ihre

Daniela Wagner-Schwengeler