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EDITORIAL

Liebe Leserin, lieber Leser

Eines Tages entschied ich mich, vor der Arbeit eine Stunde in die Stille zu gehen. Ich fuhr los, parkte an einem Waldrand, betete – aber nach wenigen Sätzen übertönte mein «innerer Lärm» alles andere: der Strauss ungelöster Fragen, der Berg an Arbeit, all das Versäumte und immer noch Ersehnte liessen meine Gedanken rotieren. Ich war an jedem anderen Ort, nur nicht bei Jesus, meinem Herrn, meinem Gott ...! Später dachte ich über das Erlebte nach. Und plötzlich verstand ich König Davids «Selbstgespräche»! Er kannte das Problem der rotierenden Gedanken. David sagte zu sich selbst: «Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.» 1 Ruhig werden heisst lernen, meine – ach so wichtige Welt – loszulassen, um mich dann Gott zuzuwenden und mit Samuel zu rufen: «Hier bin ich! Rede, dein Knecht hört.» 2

«Der Herr wird für euch kämpfen, ihr aber werdet stille sein.»

2. Mose 14,14

Es war an einem Fastenwochenende. Wir nahmen uns zwei Stunden Zeit. Jeder sollte sie in der Stille für sich verbringen. Ich entschied mich für einen Spaziergang. Während des Gehens betete ich. Plötzlich blieb mein Blick an einer Baumwurzel hängen, die sich um einen Stein schlang. Der Baum stand regelrecht auf Fels! Ich blieb stehen und dachte nach ... «Ja, seitdem ich Jesus Christus als meinen Erlöser erkannt und ihm mein Leben anvertraut habe, stehe ich wie auf einem Fels.» 3 «Du bist mein Fels, Jesus», betete ich dankbar. Überrascht und staunend ging ich weiter. Weil es zu regnen begann, suchte ich einen trockenen Platz. Mitten im Wald stand eine überdachte Futterstelle für Rehe, umgeben von einem hohen Zaun. Das Tor war versperrt. Um unters Dach zu kommen, hätte ich mit viel Anstrengung über den Zaun klettern müssen. Da schoss mir ein Gedanke durch den Kopf, der mich nicht mehr losliess: «Du musst es nicht aus eigener Kraft tun.» Auf dem weiteren Weg durch den Regen begleitete mich der bekannte Sacharja-Text: «Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist!, spricht der Herr der Heerscharen.» 4 Minuten später stand ich vor einer Hütte mit offenem Anbau! Ich setzte mich, dankte Gott, schlug die Bibel auf und las ... Die ägyptische Armee hatte das Volk Israel am Ufer des Schilfmeeres eingekesselt. Die Israeliten schrieen vor Angst und gingen auf Mose los. Der antwortete ihnen: «Fürchtet euch nicht! Steht und seht die Rettung des Herrn, die er euch heute bringen wird! Denn die Ägypter, die ihr heute seht, die werdet ihr weiterhin in Ewigkeit nicht mehr sehen. Der Herr wird für euch kämpfen, ihr aber werdet stille sein.» 5 Dieses Wort Gottes traf mein Herz. Er kämpft für mich. Ich darf ruhig sein und mein leistungsorientiertes, kräftezehrendes Denken ablegen. Er vergibt meine Schuld, er ist mein Fels und mein Erlöser. Er ist mein guter Hirte und mein treuer Versorger. Meine Seele darf ruhig sein in ihm. Es waren zwei beglückende Stunden wunderbarer, gnädiger Gemeinschaft mit Gott. «Habe Acht auf dich selbst ...» 6 , rät Paulus seinem jungen Freund Timotheus. Das geht nicht ohne Stille vor Gott. Sie ist ein Raum, in dem unsere zersplitterte Kraft wieder zusammenfindet und sich das Wesentliche vom Unwesentlichen trennt.

Herzliche Grüsse, Ihr Rolf Höneisen

1 Psalm 42,6; 2 1. Samuel 3,10; 3 1. Korinther 10,4; 4 Sacharja 4,6; 5 2. Mose 14,13 und 14; 6 1. Timotheus 4,16