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EDITORIAL

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LIEBE LESERIN, LIEBER LESER

« Jahrelang kämpfte ich mit meinem Selbstwert. Nun hat mir Gott gezeigt, dass auch ich was kann, und er hat mich meine Kreativität entdecken lassen.» Freudig präsentiert mir Anna ihre selbst gefertigten Schmuckstücke. Einige Ketten sind mit Perlen versehen, auf denen das Wort «Königskind» steht. Mit einem Teil des Erlöses werden Menschen in Not unterstützt. Ein edles Ansinnen. Die Damen dieser Konferenz stürzen sich förmlich auf den Stand, der Tisch nebenan ist fast verwaist. Dort stellt eine Frau ihre Arbeit vor, welche muslimischen Frauen, die von Ehrenmorden bedroht sind, Unterschlupf und weitere Hilfe bietet. Um ihnen von der Sicherheit in Jesus zu erzählen, hat sie diese Arbeit aufgebaut. Sie lehnte es ab, die erfolgreiche Firma ihres Vaters mit siebzig Angestellten zu übernehmen, und schlug damit eine angesehene Stellung als CEO aus. Stattdessen verzichtet sie nun auf ein «gesichertes» Einkommen und ist in ihrem Einsatz für wehrlose Frauen immer wieder Diffamierungen durch Behörden ausgesetzt, weil sie bekennende Christin ist.

Ich muss zugeben, Annas Worte machen mich nicht nur traurig, sondern zunächst auch etwas wütend. «Wie bitte?», denke ich, «Ketten bestimmen deinen Wert? Kann dir die Gabe der Kreativität echt mehr Bedeutung geben als der Fakt, dass Jesus am Kreuz für dich mit seinem Leben bezahlte? Hast du nicht verstanden, dass es in der Nachfolge Jesu nicht um dich, sondern um ihn geht?» Mir kommt der Vers in den Sinn: «Da gab Gott ihnen ihr Begehr, aber er sandte Magerkeit in ihre Seelen» (Psalm 106,15).

«Nicht die Gaben füllen unser Manko, nur der Geber – Jesus selbst.»

Gott brauchte einige Zeit, bis ich mein stolzes Herz, meine Überheblichkeit erkannte. Wohl hatte ich für die richtige Sache gekämpft, aber mit einer falschen, pharisäerhaften Haltung! Steckt nicht auch in mir immer wieder der Hang, etwas sein zu wollten, die eigenen Bedürfnisse mit unglaublichem Eifer zu verfolgen? Ich danke Gott, dass sein Licht mein Herz immer wieder aufdeckt und ich ihm meinen Stolz bekennen darf. Wie gnädig ist er mit mir, wie unverdient seine Liebe! Sie erfüllt mein Herz. Ich bete für Anna.

Am nächsten Tag kommen wir ins Gespräch. Anna erzählt mir aus ihrem Leben – ich hätte heulen können. Missbrauch in der Kindheit und ein Ehemann, der eine Beziehung zu einer anderen Frau anfing. Dann, wie sie zum Glauben an Jesus kam. Vom Schmerz um ihre Kinder, die nicht erkennen, dass auch sie einen Retter und Herrn brauchen. Mit Tränen erzählt sie mir, wie dankbar sie für die Liebe Jesu und seine Vergebung ist. Wie sehr sie ihn braucht und ihn preist, weil seine Liebe ihr verwundetes Herz heilt. Ihre Narben sind zahlreich.

So unterschiedlich unsere Geschichten, so identisch ist unsere Stellung vor Gott: begnadigte Sünder, zu Königskindern gemacht! Nun darf ich Anna ermutigen und trösten, täglich den Blick auf das Kreuz zu richten. Nicht die Gaben füllen unser Manko, nur der Geber – Jesus selbst. Ja, wir beide, Anna und ich, wir wollen uns ihm ganz hingeben und an seiner Hand den Kreuzesweg auf uns nehmen. Als seine Kinder berufen zu sein, ist kein Walk of Fame, kein Ruhmesweg. Immer wieder neigen wir dazu, Gott auf dem Weg der Selbstverwirklichung benutzen zu wollen. Doch es geht um Selbstverleugnung, um «alles Du, Herr, gar nichts ich» – um damit alles zu gewinnen. Unsere Seele spiegelt sich im Denken, Reden und Handeln wider.

Die Artikel und Interviews in diesem Heft stellen dies ins Zentrum. Ich wünsche Ihnen beim Lesen von Herzen inneren Gewinn.

Es grüsst Sie, Ihre

Daniela Wagner-Schwengeler