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EDITORIAL

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LIEBE LESERIN, LIEBER LESER

Ein Schweizer Politiker forderte in einer Debatte rund um die Reproduktionsmedizin eine Denkpause. Der Machbarkeitswahn in unserer Gesellschaft sei kritisch zu hinterfragen. Ist alles erlaubt, was möglich ist? Nach heutigem Stand der Reproduktionsmedizin kann jede Phase der Fortpflanzung technisch beeinflusst und gezielt «optimiert» werden. Zielgruppe reproduktionsmedizinischer Eingriffe sind nicht mehr «Kranke», sondern «Gesunde».

Der Kostendruck im Gesundheitswesen spielt ebenfalls eine Rolle. So geht es beispielsweise bei pränatalen Diagnosen darum, ob spätere Folgekosten durch einen Schwangerschaftsabbruch vermieden werden könnten.

Eine weitere Frage befasst sich damit, wer für eine künstliche Befruchtung zugelassen wird. Dürfen es auch Alleinstehende und/oder Homosexuelle sein? Gilt eine Altersbegrenzung? In Spanien gebar eine 67-jährige Frau durch eine künstliche Befruchtung Zwillinge. Mit 69 Jahren starb sie an Krebs. Die Kinder wachsen nun als Waisen auf.

Auch die Leihmutterschaft bringt zahlreiche ethische Konflikte mit sich. Was, wenn eine Leihmutter während der Schwangerschaft ein emotionales Band zum Kind entwickelt – was auf der Hand liegt – und es am Ende nicht weggeben will? Wenn ein Kind bis zu zwei genetische, eine biologische und eine soziale Mutter sowie einen genetischen und einen sozialen Vater hat?

Mit welchen Zwängen geht diese Form von Freiheit der Lebensgestaltung einher und wie kann sie überhaupt noch ausgehalten werden?

Ja, eine Denkpause, ein Innehalten, ist das Gebot der Stunde. Denn auf welcher Grundlage soll in solch gewichtigen Dingen die Marschrichtung eines Volkes festgelegt werden? Wer sagt, was richtig und falsch ist? Wo muss Einhalt geboten werden? Und fordert nicht jeder in seinem speziellen Fall das Recht ein, sein Bedürfnis per Gesetzesgrundlage zu legitimieren?

«Ich bin der HERR, dein Gott, der dich lehrt, was dir hilft, und dich leitet auf dem Weg, den du gehst.»

Jes. 48,17

Ich konnte kaum glauben, was mir eine 19-jährige Maturandin kürzlich erzählte: Ein Anbieter von Maturareisen wirbt mit Erfolg für ein «all inclusive-arrangement», bei dem der Flug, das Essen, die Unterkunft, alkoholische Getränke ohne Limit und pro Klasse eine Abtreibung franko frei dabei sind. Feiern ohne Ende, etwaige Folgen mit Langzeitwirkung können ausgemerzt werden, bevor es unangenehm wird. Wohin driftet eine solche Gesellschaft? Was für Spuren legen Erwachsene der jungen Generation, wenn man ihnen Unrecht als Recht verkauft und suggeriert, der Tag, an dem sie Verantwortung für ihr Leben ablegen müssen, würde nie kommen?

Macht sich der Mensch zum Mass aller Dinge, verlieren die Gebote Gottes ihre Gültigkeit. Wir erleben das tagtäglich. Die Gesellschaft wandelt sich und die Gesetze werden – je nach Situation und Befindlichkeit – angepasst. Das führt zu Willkür. Für jemanden, der keine Instanz über sich anerkennt, ist das nur logisch.

«Ich allei säg, wo’s dure goht», sagt ein bekannter Schweizer Schauspieler in einem Werbespot für Exit. «Mein Bauch gehört mir», proklamieren Millionen von Frauen und treiben ihr Kind ab. An Argumenten, weshalb ein Leben nicht zumutbar sei, fehlt es nicht. Dennoch überschreitet der Mensch seine Kompetenz, wenn er sich anmasst, über wertes oder unwertes Leben, über Leben und Tod, zu entscheiden (siehe Artikel zum Thema Menschenwürde, ab S. 18). Er handelt wie ein Kind, das mit Zündhölzchen spielt und einen Brand entfacht, den es nicht mehr löschen kann. Über die Folgen der vermeintlichen Freiheit spricht man nicht.

Gottes Gebote sind nicht lebensfeindlich, sondern bewahrend. Haben wir noch den Mut, dafür einzustehen? Menschen von einem falschen Schritt abzuhalten, damit sie sich nicht ihr Leben lang quälen müssen mit ihrer Schuld? (Lesen Sie dazu den Beitrag ab S. 28.) Sind wir bereit, jenen, die keinen Ausweg sehen, auch ganz praktisch zu helfen?

Denkpausen in Gottes Schule, beim Lesen seines Wortes – das ist die Wegweisung, die wir so dringend nötig haben!

«Ihre Wege habe ich gesehen, aber ich will sie heilen und sie leiten und ihnen wieder Trost geben» (Jesaja 57,18).

Herzlich, Ihre

Daniela Wagner-Schwengeler