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EDITORIAL

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LIEBE LESERIN, LIEBER LESER

Hat Ihnen schon einmal jemand, nach einer Schwäche gefragt, geantwortet: «Ich bin jähzornig, neidisch, tratsch-süchtig oder boshaft?» Wohl kaum. «Ich bin ungeduldig», hingegen schon. Dieser Charakterzug hat in unserer leistungsorientierten Gesellschaft einen Hauch von Coolness. Ungeduld ist hip, assoziiert Innovationskraft und Vorwärtsstreben, bedeutet das Gegenteil von Stillstand und Langeweile. Allenfalls in der Bewertung der Sozialkompetenz gilt Ungeduld als leichtes Unvermögen, wobei ein nervenstrapazierendes Gegenüber mangelnde Geduld absolut rechtfertigt.

Ich bin ungeduldig. Das störte mich wenig, ehrlich gesagt, fiel es mir lange Zeit gar nicht auf. Tempo und Zielstrebigkeit gehören einfach zu mir. Ich liebe es, zu planen und die Ärmel hochzukrempeln. Pausen vor dem Erreichen eines Ziels empfinde ich als Zeitverschwendung. An sich ist daran noch nichts falsch. Ungeduld tritt erst zutage, wenn ein «Störfaktor» die Bühne betritt, wenn es nicht mehr so läuft, wie man sich das vorgestellt hat.

«Geduld aber habt ihr nötig, damit ihr den Willen Gottes tut und das Verheissene empfangt.»

Hebräer 10,36

Innert kurzer Zeit musste ich zum sechsten Mal operiert werden und dafür mindestens eine Woche ins Spital. «Kranksein» macht das Leben schwer planbar. Ich sah mich einmal mehr einem unüberwindbaren Berg gegenüber: ethos muss jeden Monat fertig werden; zu Hause liefen gerade Renovationsarbeiten, die nun mein Mann neben seiner vielen Arbeit auch noch koordinieren musste; ich war an einen Weiterbildungskurs angemeldet, der bereits bezahlt war; im Geschäft fehlt es an Mitarbeitern und im persönlichen Umfeld türmt sich Notvolles.

Die Lektion «Geduld lernen» war überfällig. Die Gewissheit, dass Gott keine Fehler macht und mir alle Dinge zum Besten dienen müssen, half mir. Ich entschied mich, Gott zu danken, dass er auch in dieser Situation alles im Griff hat und mich Neues lehren will. Wachstum ist auch in meinem Sinn. Wer möchte denn schon bleiben, wie er ist? So betete ich: «Danke, Herr, dass du zum Ziel kommst. Bitte hilf mir, dass ich geduldig auf deine Hilfe warten kann und die Zügel – oder besser das Gaspedal – nicht selbst bediene.» In der Bibel las ich zudem: «Wer geduldig ist, der ist weise; wer aber ungeduldig ist, offenbart seine Torheit» (Sprüche 14,29). Ein Dummkopf bin ich also auch noch!

Ich legte mich ins Spitalbett und war trotz der Situation zufrieden. Sechs Tage funktionierte das wunderbar. Doch dann riss mein sorgsam gehegter Geduldsfaden. Täglich versprach der Chefarzt, vorbeizukommen, um mit mir zu besprechen, wann ich das Spital verlassen könne. Er kam aber nicht. Tag für Tag wartete ich vergebens. Obwohl ich wusste, dass die verordnete Bettruhe wesentlich zum Erfolg der Operation beitragen würde und ein Tag länger nur zu meinem Besten diente, machte mir das offene Ende zusehends Mühe. Vorbei war es mit mir als angenehme Patientin!

Doch Gott ist ein geduldiger Lehrmeister. Seine Warteschlaufen sind voll bepackt mit Lerneinheiten. Erst wenn wir merken, dass wir in der Schule Gottes sind und nicht in der Pause am Abhängen, werden wir einhängen und mitarbeiten. Gott lässt zu, dass Umstände sich nicht ändern, ja gar schlimmer werden, während er darauf wartet, dass wir uns ändern.

Geduld ist die Kunst, auf gute Art zu warten: auf Gott zu warten. Er ist mit uns. Oft bleibt uns nur diese Wahrheit. Er beantwortet nicht alle unsere Fragen, sondern tröstet uns, während er uns an Orte mitnimmt, an denen wir zwangsläufig Gottvertrauen lernen.

Im Interview mit Hans und Friedi Jutzi über ihre Arbeit unter Gehörlosen begegnete ich Menschen, die mit viel Liebe und Geduld anderen zum Segen sind – trotz schwieriger Wege, die auch sie gehen mussten. Lesen Sie dazu den Beitrag ab Seite 18.

Herzlichst, Ihre

Daniela Wagner-Schwengeler