<
EDITORIAL

EDITORIAL

LIEBE LESERIN, LIEBER LESER

«Liebe Daniela, bei unserem letzten Kontakt fragtest du mich nach einem Artikel für ethos. Damals hatte ich noch kein Thema, zu dem ich hätte schreiben können. Inzwischen hat der Herr mir aber eines gegeben, und der Text ist fertig.»

Diese Zeilen schrieb mir die schwerkranke Irmgard Grunwald*. Wochenlang rang die fast vollständig gelähmte Frau aufgrund eines Infekts um Luft. «Wie kann ich so leben?» – das ihr Thema.

* Irmgard steuert den Computer und schreibt Texte mit Hilfe eines speziellen Computerprogramms durch minimale Kopfbewegungen.

Vom grossen Violinisten Itzhak Perlman wird erzählt, ihm sei bei einem Konzert in der Avery Fisher Hall in New York City eine Saite seiner Geige gerissen. Doch statt diese oder das Instrument zu ersetzen, spielte er hingebungsvoll auf drei Saiten weiter. Niemals zuvor hatte seine Musik die Zuhörer mehr berührt – sie war von unvorstellbarer Intensität und Schönheit. Nach dem letzten Ton füllte frenetischer Applaus die Halle.

«Schmerzhaft schön ist die Melodie, die Gott auf ihr spielen darf.»

Ich musste weinen, als ich Irmgards Artikel las, so schmerzhaft schön ist die Melodie, die Gott auf ihr spielen darf. Ungleich schöner, als wenn wir mit vollzähligem Saitensatz auf unserem glänzenden Instrument rumkratzen und meinen, eine bessere Intonation auf Lager zu haben als der Meister. Der Titel des Artikels «Näher, noch näher» könnte treffender nicht sein. In ihrem Leiden klammert sich Irmgard an ihren himmlischen Vater. Sie sieht die Gnade Gottes darin, dass die Umstände sie zwingen, alles von Jesus zu erwarten. Irmgard ist keine Super-Heilige. Aber total abhängig von ihm wird der Heilige in ihrem Leben sichtbar. Dieses Geheimnis deckt ihr Leben auf. Was für eine Frau, was für ein Glaube – was für ein Gott! «Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll» (Römer 8,18). Lesen Sie dazu den Artikel ab Seite 14.

Auch Hans-Gerd ist abhängig, aber in einer unguten Weise: von einer Flasche – dem Alkohol. Gefangen in den Klauen der Sucht, zerbricht er am Leben. Da begegnet ihm der barmherzige Gott. Er fängt an, in Gottes Wort zu lesen: «In der Bibel werde ich erfahren, wer Gott ist – dort muss mein Helfer zu finden sein.» Diese Aussage im Gespräch mit Hans-Gerd (Lesen Sie dazu das Interview ab Seite 28.) ist wegweisend. Genau das hat der Schöpfer allen Lebens versprochen. Er offenbart sich in seinem Wort. Er selbst ist das Wort. Deshalb ist es lebendig, gibt uns Führung und Leitung.

Immer öfters treffe ich auf Christen, die sich ihr Gottesbild von überallher formen. Sie fühlen sich bereichert durch dieses oder jenes Buch, diese oder jene These. Nun bin ich nicht gegen Bücher, die helfen, Gott besser zu verstehen – das wollen wir auch mit ethos tun. Doch wenn deren Inhalt der biblischen Wahrheit widerspricht (nur wer die Bibel im Zusammenhang liest, weiss, was darin steht) und man meint, dies ergäbe eine bereichernde Komposition und vervollständige das Gottesbild, der irrt. Gott kommt man nicht näher, indem man sich vom Rückenwind menschlicher Erfahrungen auf emotionale Höhenflüge mitreissen lässt. Ja, wir haben einen mitfühlenden Gott, der uns versteht.

Unsere Hoffnung ist aber allein im Kreuz unseres Herrn zu finden: «Denn worin er selber gelitten hat und versucht worden ist, kann er helfen denen, die versucht werden» (Hebräer 2,18). Dadurch wird Jesus aber nicht zu unserem «Kumpel». Er, der Herr, bezahlte am Kreuz für unsere Sünde den Höchstpreis. Diese unfassbare Liebe lässt uns anbetend vor ihm niederfallen und ruft uns in seine Nachfolge. Damit erst wird unser Leben bedeutungsvoll. Für Gott ist niemand zu kaputt, als dass er auf ihm nicht eine wunderbare Melodie spielen könnte. Wenn wir das glauben, legen wir uns vertrauensvoll in seine Hände und begreifen immer mehr: Gott ist heilig und zugleich barmherzig – welche Gnade!

Herzlich, Ihre

Daniela Wagner-Schwengeler