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EDITORIAL

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LIEBE LESERIN, LIEBER LESER

Schon mal von Altruisten gehört? Das sind Menschen, die sich bis zur Selbstaufgabe für andere aufopfern. Psychologen und Soziobiologen haben herausgefunden, dass eine Gruppe umso höhere Überlebenschancen hat, je häufiger sich deren Mitglieder hilfsbereit, fürsorglich und selbstlos verhalten. Weiter stellten sie aber auch fest, dass Altruisten sehr oft ausbrennen, weil hinter dem Helfen nicht selten ein labiles Selbstwertgefühl steckt, das sich zu festigen sucht in der Erfahrung, von anderen gebraucht zu werden. Die Psychologie macht es sich nun zur Aufgabe, die Balance zwischen selbstloser Einfühlung und notwendigem Eigeninteresse zu finden.

Der Gegenspieler des Altruisten ist der Egoist. Nur, so weit entfernt, wie es scheint, sind die beiden nicht. Selbstaufopferung kann zutiefst egoistische Züge aufweisen.

Diese Thematik ist Christen nicht fremd. Auf der einen Seite fordert Jesus uns auf, ihm kompromisslos nachzufolgen, unserem Eigenwillen zu sterben und dem Nächsten zu dienen. Demgegenüber steht aber – wenn wir ehrlich sind – das Grundbedürfnis eines jeden Menschen nach Anerkennung, Wert und Erholungsräumen. Also doch ein bisschen Egoist, ein bisschen Altruist?

«Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.»

Johannes 15,5

Die allem zu Grunde liegende Frage ist letztlich, wer oder was uns antreibt. Ist es der Drang nach Ansehen, Anerkennung und Bedeutung, müssen wir die Kräfte sorgfältig einteilen, unsere Fähigkeiten geschickt verwalten und vermarkten und die Sozialkompetenz im Wohlfühlrahmen halten. Selbst wenn die Umstände rosig sind, gelingt das nicht wirklich. Dann und wann tut sich eine innere Leere auf. Wer sich der Not verpflichtet, wird früher oder später resignieren, enttäuscht oder ausgebrannt sein. Aus uns selbst können wir nicht gut sein und selbstlos lieben. Wollen wir seelisch gesund bleiben oder werden, müssen wir eine Kraft- und Wertquelle haben, die ausserhalb von uns selbst liegt.

Meinem Dienen muss die Erfahrung vorausgehen, von Gott geliebt und angenommen zu sein. Nur das Kreuz, an dem der Gottessohn an meiner Statt hing, bringt mich mit meinem Schöpfer ins Reine und gibt mir die verlorene Bedeutung und meinen Wert zurück. Habe ich durch den Glauben Vergebung empfangen, muss ich meinen Wert nicht mehr durch Aufopferung beweisen. Mein Dienen bekommt eine neue Dimension. Es geschieht nicht mehr aus eigener Kraft, sondern allein aus der Verbindung mit meinem Herrn. Wenn wir uns IHM ganz hingeben, wenn Er unser Leben steuern darf, werden wir im Dienst nicht ausbrennen.

Herzlichst, 
Daniela Wagner-Schwengeler