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EDITORIAL

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LIEBE LESERIN, LIEBER LESER

«Warum? Warum nimmt sich ein gesunder, erfolgreicher, im Privatleben geliebter und im Geschäftsleben geschätzter Mann mit drei Kindern, zu denen er eine enge und liebevolle Beziehung pflegte, mit 49 Jahren das Leben? Was konnte so dunkel und ausweglos erscheinen, dass sich Carsten Schloter, Swisscom-CEO, für den Tod entschied?», fragte der «Tages-Anzeiger» nach dem Suizid dieses sympathischen Mannes, mit dem jeder gerne nach Feierabend etwas trinken gegangen wäre.

Schloter verliebte sich vor über vier Jahren am Arbeitsplatz in eine jüngere Frau. 2009 trennte er sich von seiner Ehefrau und liess sich auf die neue Beziehung ein. Das Blatt weiter: «Gleichzeitig dürften seine Schuldgefühle eingesetzt haben. Schloters Wertesystem hatte die Möglichkeit, seine Familie zu verlassen, wohl einfach nicht vorgesehen.» Eine «Expertin» in Sachen Trennungen dazu: «Wenn bisher die Familie ein hoher Wert war, steigen oft Selbstzweifel auf, wenn man sich in jemand verliebt.»

«Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.»

1. Johannes 1,9

Carsten Schloter selbst bezeichnete die Trennung als seine grösste Niederlage, ein Scheitern im realen Leben: «Ich habe drei kleine Kinder und lebe getrennt von ihnen. Das vermittelt mir immer wieder Schuldgefühle. Ich habe das Gefühl, hier habe ich etwas falsch gemacht. Am Ende war es sicher eine Portion Egoismus», bekannte er vor der TV-Kamera einige Monate vor seinem Tod. Seine innere Zerrissenheit muss riesig gewesen sein.

Jeder Mensch kennt diese Zerrissenheit, wenngleich viele ihr zu entgehen meinen, indem sie sich einen neuen, selbstgebastelten Wertmassstab zulegen. Richtig ist dann, was ich möchte, mir «gut» tut. Insofern zeugen die Selbstzweifel und die grosse innere Not des Topmanagers von einem noch funktionierenden Gewissen. Das ist es nämlich, was sich bei jedem Menschen meldet, wenn er Unrecht tut – ausser er hat die Linie schon oft überschritten und ist bereits abgestumpft. Man glaubt, dieses oder jenes lustvoll geniessen zu können. Schliesslich tun es ja alle, auch wenn es Sünde ist. Was erst süss schmeckt, entpuppt sich aber bald darauf als «bittere Pille». Dies deshalb, weil Gott in uns das Bewusstsein gelegt hat, was in seinen Augen richtig und falsch ist. «Sie beweisen damit, dass in ihr Herz geschrieben ist, was das Gesetz fordert, zumal ihr Gewissen es ihnen bezeugt, dazu auch die Gedanken, die einander anklagen oder auch entschuldigen.» (Römer 2,15)

Mancher hat sich schon gewünscht, vor seinem eigenen Gewissen fliehen zu können. Wie schrecklich, wenn Menschen wie Carsten Schloter über ihrer Schuld zerbrechen und den Freitod wählen, anstatt den, der ihnen ihr Herz und damit ihr Gewissen reinwaschen möchte!

«Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein», sagte Jesus, als die Pharisäer die Ehebrecherin steinigen wollten. Keiner hat geworfen, alle sind still weggegangen. Ihr eigenes Gewissen hat sie verurteilt, Zerrissenheit anstatt Frieden. Auch Jesus warf nicht, obwohl er allein als Sündloser das Recht dazu gehabt hätte. Er bot der Frau Vergebung an, Freispruch aus Liebe, unverdient. Diese Vergebung gilt jedem, der seinen Stolz ablegt und Schuld zugibt. Niemand muss unter dem schweren Rucksack der eigenen Schuld zerbrechen.

Herzlichst, 
Daniela Wagner-Schwengeler