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EDITORIAL

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LIEBE LESERIN, LIEBER LESER

« Was ist das Geheimnis eurer Ehe?» Sie  liess die Schere sinken und rollte auf ihrem Hocker vor mich. «Täglich sitzen hier Frauen, die, gelinde gesagt, über ihre Männer klagen. Es kommt kaum vor, dass eine Frau liebevoll und mit Respekt von ihrem Mann spricht und sich an ihm freut. Eigentlich meist nur, wenn sie sich einen ‹Neuen› angelacht haben. Aber du bist schon fast dreissig Jahre mit demselben Mann verheiratet und eure Liebe, scheint mir – wird mehr und nicht weniger.» So emotional und direkt ist meine Frisörin mir gegenüber noch nie geworden. Es scheint ihr ernst mit der Frage.

Weder harmonieren mein Mann und ich aussergewöhnlich gut, noch sind wir besonders liebenswerte Menschen, dass wir nicht streiten könnten. Nein, ganz und gar nicht. Unser Geheimnis ist, dass wir einander vergeben dürfen – weil wir als von Gott Begnadigte Vergebung erhalten haben für all unsere Schuld. Das gemeinsame Gebet nach einem Zwist, wo jeder vor Gott und dem anderen bekennt, was nicht in Ordnung war, stärkt unser Liebesband noch mehr. Gibt es Schöneres, als von Gott und Menschen buchstäblich entlastet zu werden?

Das Kreuz definiert Liebe: Da hing Jesus, der Sohn Gottes, unsägliche Qualen leidend, verspottet, verlacht von denen, die er durch seinen Tod loskaufen wollte vom Diktat der Sünde. Ich bin Jesus so dankbar, dass er bei seinem Entscheid blieb und nicht seinen Gefühlen folgte und vom Kreuz stieg. Für Sie und für mich hat er ausgehalten bis zum bitteren Ende! Liebe, die zur Tat schreitet, die dem Treulosen Treue anbietet und dem Egoisten dient – das füllt mein Herz mit tiefer Ehrfurcht und Staunen. In mir steigt ein Sehnen auf, diese Liebe mit meinem ganzen Leben zu erwidern.

«Wer überwindet, tut das nicht durch seine Kraft oder seinen Willen oder durch übergrosse Charakterstärke, sondern durch das Blut des Lammes. Ein Opfer musste Christi Liebe für uns bringen. Und nicht weniger als ein Opfer wird von uns verlangt, wenn wir ernsthaft ein Leben lang lieben wollen.»

Elisabeth Elliot

Es überfordert jede Ehe, wenn der Partner Lebenssinn, Ein und Alles, Liebesquell und was sonst noch sein muss. Mir ist bewusst, dass ich an der Seite meines Mannes ein grosses Vorrecht geniesse. Nie musste ich die Nummer eins in seinem Leben sein, denn die ist Gott. Mein Mann liebt mich mit einer hingebenden, opferbereiten Liebe, weil Jesus sein Herr ist. Wie könnte er sonst die Liebe warmhalten, wenn ich grad nicht liebenswert bin? Auch wir kennen den Frust, wenn der andere unsere Erwartungen und Bedürfnisse nicht erfüllt. Gehe ich damit zu Gott, kann ich «Durststrecken» nicht nur überwinden, sondern den andern lieben, unabhängig von seinem Verhalten. Das bleibt nicht folgenlos. Reagiert mein Mann auf Unfreundlichkeit mit Liebe, tut mir meine Boshaftigkeit umso mehr leid. Was für eine Erleichterung, ihn zu bitten: «Vergib mir.»

Lautet unser Beziehungs-Motto: «Wie du mir, so ich dir», oder: «Wie mir Gott, so ich dir»? Gott segnet Hingabe und Demut – immer wieder auch mit Gefühlen der Liebe für den andern. Meist wollen wir aber nicht tun, wozu Er uns berufen hat, weil wir meinen, dabei auf der Strecke zu bleiben. Unser vermeintliches Recht einzufordern, liegt uns mehr: «Jetzt muss ich mal auf mich schauen», ein häufiges Statement von Enttäuschten.

Bereits als Kind beeindruckte mich eine Frau, Mutter von drei Kindern, deren Mann Alkoholiker war – ein Egozentriker par excellence. Nie hörte ich sie klagen oder geringschätzig über ihn reden. Sie bat um Gebet, dass er bei Gott Hilfe suchen möge. Von seinen abfälligen Bemerkungen über ihren Glauben liess sie sich nicht zu spitzen Bemerkungen hinreissen. Mit ihrer sanften Stimme erzählte sie ihrem Mann in schlichten Worten, wie sehr sie ihren Heiland liebe und wie durch seine Vergebung Freude in ihr Leben eingezogen sei.

Ehrlich gesagt, glaubte ich schon gar nicht mehr, dass sich an der Situation etwas ändern würde. Nach über zwanzig Jahren hat er die Gnade Gottes für sich verstanden und angenommen. Als ich ihn unlängst traf, traute ich meinen Augen kaum – aus voller Kehle singt er Loblieder im Gottesdienst und seine Frau hat heute einen Mann, der sie von Herzen liebt. Liebe – mehr als ein Gefühl!

Herzlich, Ihre

Daniela Wagner-Schwengeler