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EDITORIAL

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LIEBE LESERIN, LIEBER LESER

Der Sturm legt einen immer dickeren Mantel Schnee um den Berg. Eiskalt hat es Eric auf 3300 Metern erwischt. Eben noch schien die Sonne. Blindlings kämpft er sich durch den inzwischen brusthohen Schnee. Sein Herz pocht gegen die Rippen. Gierig saugt er die dünne Luft ein. Nass bis auf die Knochen, schmiegt sich die Kälte wie ein Eispanzer an seinen Körper. Die Nacht zieht auf, es ist stockdunkel. Das Selbstvertrauen, das ihn bis dahin durchs Leben trug – vom Sturm fortgerissen. Kälte, totale Erschöpfung. Vollkommene Verlassenheit.

Acht Tage dauert das Martyrium in dieser erbarmungslosen Schneewüste. Eric sehnt sich danach, eine Stimme zu hören, nach der Wärme menschlicher Gesellschaft. «Hallo, ist da jemand?» Drei gelbe Augenpaare starren aus der Dunkelheit. Wölfe. Sie bewegen sich mühelos durch den Schnee, geborene Jäger, die unter solchen Bedingungen töten können. Sein Herz rast vor Angst. Er versucht, sein Snowboard als Schutzschild vor sich zu halten, und stösst einen verzweifelten Hilfeschrei aus – ungehört wird er vom Weiss verschluckt.

«Sie kennen die unterste Sprosse der Melancholie-Leiter nicht, bis die Einsamkeit Ihnen einen ausgedehnten Besuch abgestattet hat», sagte Charles R. Swindoll.

Mit jedem Plus an Lebensjahren steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns in Extremsituationen wiederfinden. Vielleicht nicht in Eiseskälte auf einem Berg oder in der Abgeschiedenheit der Sahara – aber seelische Wüstenzeiten bringen uns nicht minder an den Rand der Verzweiflung: Stichwort Resilienz. (Lesen Sie dazu den Artikel «Schmerz, Verlust – kann man Trauer je bewältigen?», ab Seite 25.)

Stirbt der Partner – Silke Berg erzählt in einem Interview von ihrem Erleben –, verlieren wir die Arbeitsstelle oder bekommen wir die Diagnose einer unheilbaren Krankheit, erschüttert uns diese neue Wirklichkeit zutiefst. Warum ich? Wie damit fertig werden? Gefolgt vom Angriff des Feindes auf unser Vertrauen zu Jesus, er würde sich nicht um unsere Angelegenheiten kümmern, schreien wir: «Hast du mich vergessen, Herr? Liebst du mich nicht mehr?»

Swindoll schrieb: «Wenn wir einsam sind, dann brauchen wir einen verständnisvollen Freund.

Jesus ist der eine, der uns näher ist als ein Bruder.

Wenn wir einsam sind, brauchen wir die Kraft, den Fuss vor den anderen zu setzen.

Jesus ist der eine, der uns stärkt.

Wenn wir einsam sind, ist es notwendig, die Augen von uns abzuwenden.

Jesus, der ‹Anfänger und Vollender› des Glaubenslebens, lädt uns ein, zu ihm aufzusehen (vergl. Hebr. 12,2), und uns nicht von Gedanken an eine Kapitulation gefangen nehmen zu lassen.

So schlägt der Friede das erste Zelt auf – für die Einsamkeit ist einfach kein Platz mehr.»

«Wir neigen dazu, auf Dinge und Menschen zu bauen, die wir sehen können.»

Es mag hart klingen – aber erst in Zeiten der Not erleben wir den Beistand und das Arbeiten Gottes an unseren Herzen existentiell. Oft lassen wir uns erst dann ganz auf Jesus ein, wenn alle Stützen wegbrechen. Wir neigen dazu, auf Dinge und Menschen zu bauen, die wir sehen können. Gott aber will uns lehren, ganz von Ihm abhängig zu sein. Wir können Ihn zwar nicht sehen, aber aus seinem Wort erkennen wir etwas von seinem Charakter, seiner Liebe und seiner Treue zu seinen Kindern. Er möchte, dass wir Ihm völlig vertrauen und uns ganz auf sein Wort verlassen. «Der Mensch lebt nicht vom Brot allein – dem Sichtbaren –, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund des Herrn kommt.»

Eine leidgeprüfte Frau erzählt: «Ich vollzog sehr bewusst einen Blickwechsel, weg vom Verlustdenken, das mich so lange gefangen hielt, hin zu dem Gott, der mich in all dem Schweren und Unverständlichen keinen Augenblick allein liess. Ich nahm den Vers ‹Fürchte dich nicht› ... ganz persönlich und übe mich darin bis heute. Ich vertiefte mich in das Trostbuch von Jesaja, lernte, dass Freunde und Sicherheiten ein Geschenk sind. Das Grösste aber, mein Ein und Alles, mein unverbrüchlicher Fels, das ist Jesus! Wir werden nie wissen, dass Christus alles ist, was wir wirklich brauchen, bis er alles ist, was wir haben. So macht uns Gott in unseren ‹Wüstenzeiten› von Ihm abhängig.»

Auf diesen Blickwechsel kommt es an: Weg von der Not – hin zu Jesus! Er sieht unseren tiefsten Schmerz, die Einsamkeit, aber auch unsere Schuld. Ihm dürfen wir alles bringen, von Ihm alles erwarten.

Wer nicht Zuflucht bei Gott sucht, dem geht die unbeschreiblich grosse Gabe der Gnade verloren. «Jesus hatte keine Tränen für seine eigenen Probleme, sondern schwitzte Blut für meine.» (Charles H. Gabriel)

Manchmal bleiben Fragen ein Leben lang unbeantwortet. Doch eines dürfen wir wissen: Gott behält immer im Blick, was zu unserem Besten dient.

Sehen wir die Wüstenzeiten als Chance, im Glauben zu wachsen und gegründet zu werden in seinem Wort. Daraus wächst die Frucht, die Gott ehrt.

In seiner Liebe geborgen, 
Ihre Daniela Wagner-Schwengeler