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EDITORIAL

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LIEBE LESERIN, LIEBER LESER

Keiner bleibt vor Konflikten verschont. Wie sehr beschweren sie unser Leben bis hin zu tiefster Verzweiflung. Einem Erdrutsch gleich, der den eben noch mit Freude gegangenen Weg unpassierbar macht. Was nun?

Es gibt zwei Möglichkeiten, damit umzugehen, beide kosten Kraft. Deshalb sträubt sich unser «Ich» erstmal gewaltig. Den Konflikt zu umgehen, ihm auszuweichen, lässt uns vielleicht kurzfristig weitergehen. Er schwelt aber weiter und holt uns früher oder später ein, meist haben sich in der Zwischenzeit die Fronten verhärtet.

Angesagt ist also «angehen». Aber wie? Wo finden wir Hilfe? Wo die Kraft dazu? Ein Evangelist kam bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben. Noch kurz zuvor hatte er Tausenden den Namen Jesu verkündet. In den letzten Minuten seines Bewusstseins schrieb er, kaum leserlich, auf einen Zettel die Worte: «Jesus, unser Richtpunkt.»

Ja, er regiert und gibt uns die Richtung vor, wie wir als Christen, Kinder Gottes, handeln sollen. Doch wir gleichen einem Handschuh: So wenig dieser einen Koffer tragen, einen Schuh binden oder einen Stift halten kann, so wenig können wir ein Leben führen, das Gott gefällt, «... denn ich weiss, dass in mir, das ist in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt; denn das Wollen ist bei mir vorhanden, aber das Vollbringen des Guten nicht» (Röm. 7,18). Jesus muss die «Hand» sein, die uns bewegt.

Ein Prediger, dem jemand ein grosses Unrecht zugefügt hatte, sagte aufgebracht zu seiner Frau: «Dem will ich den Meister zeigen!» – «Welchen Meister?», fragte seine Frau mit sanfter Stimme. Der Mann erschrak. Beschämt meinte er: «Ja, diesmal hätte ich ihm nicht den Meister, sondern mich gezeigt.»

Darin erkennen wir uns wieder, oder? Wir sind nicht in der Lage, uns selbst zu läutern, andere bedingungslos zu lieben. Die Liebes-Latte, wie sie im 1. Korintherbrief, Kapitel 13, so anziehend vorgestellt wird, liegt in unerreichbarer Höhe. Doch Jesus lebt in uns und will uns umgestalten! «Wir sind erschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollen» (Eph. 2,10). Er vollendet uns «in jedem guten Werk», damit wir seinen Willen tun. Aber ich muss entscheiden, ob ich mich Ihm oder der Sünde zur Verfügung stelle.

Wie schaffen wir es, ein Leben zur Ehre Gottes zu führen? Im 1. Petrusbrief geht es darum, dass gerade die «Anfechtungen» die Bewährung unseres Glaubens, Lob, Ehre und Herrlichkeit zur Folge haben können bei der Offenbarung Jesu Christi: «So legt nun ab alle Bosheit und allen Betrug und Heuchelei und Neid und alle Verleumdungen ...»; «Vor allem aber habt innige Liebe untereinander; denn die Liebe wird eine Menge von Sünden zudecken ...»; «Ihr alle sollt euch gegenseitig unterordnen und mit Demut bekleiden ...»

«Das deutlichste Zeichen von Selbstsucht ist das Klagen über andere.»

Gottes Ziel ist es, uns heilig zu machen, nicht «gross» in den Augen anderer. Bei Verleumdungen, Falschanklagen dürfen wir das besonders lernen, indem wir aufhören, uns zu verteidigen und zu rechtfertigen und uns stattdessen fragen: Ist etwas Wahres an den Unterstellungen? Will Gott mir etwas zeigen? Aus welchen Fehlern muss ich lernen?

Dienen wir Gott treu weiter, auch in schlechten Zeiten? «Mach das Richtige weiter, auch wenn keine ‹richtigen› Dinge passieren», schrieb Nicola Vollkommer vorne in ihre Bibel. Jesus anbeten, sein Wort liebhaben, anderen Menschen dienen, denjenigen vergeben, die uns Böses tun – das sind Dinge, die immer richtig sind, egal, wie sehr die Fetzen um uns fliegen. Wahrheit ist hartnäckig. Irgendwann wird sie offenbar, spätestens in der Ewigkeit.

«Das deutlichste Zeichen von Selbstsucht ist das Klagen über andere», hat einmal jemand gesagt. Vor langer Zeit habe ich mich entschieden, dass – im Gegensatz dazu – mein Leben Gott die Ehre geben soll. Wie oft versage ich darin!

«Der Gott aller Gnade aber, der uns berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, er selbst möge euch, nachdem ihr eine kurze Zeit gelitten habt, völlig zubereiten, festigen, stärken, gründen» (1. Petr. 5,10).

Herzlich, Ihre

Daniela Wagner-Schwengeler