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EDITORIAL

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LIEBE LESERIN, LIEBER LESER

Wir werden die Gnade Gottes wohl niemals ausloten können. Gnade, was heisst das überhaupt?

Richtig verstandene Gnade ist deshalb teuer, weil sie Gott unendlich viel gekostet hat, nämlich das Leben seines eigenen Sohnes. Was Gott teuer ist, kann uns nicht billig sein.

Billige Gnade bedeutet hingegen, wie Bonhoeffer es ausdrückt, Vergebung ohne echte Umkehr, Absolution ohne persönliche Beichte, ohne Kreuz. Sündenvergebung wird als allgemeine Wahrheit verstanden, die die Sünde rechtfertigt, aber nicht den Sünder. Billige Gnade ermuntert den Menschen, sein bisheriges gottloses Leben weiterzuführen, statt sich von diesem abzuwenden und Jesus nachzufolgen. Letztlich verschliesst sie uns den Weg zu Christus.

«Deine schlimmsten Tage sind niemals so schlimm, dass du dich ausserhalb der Reichweite von Gottes Gnade befindest. Und deine besten Tage sind niemals so gut, dass du sie nicht mehr brauchtest. Jeder Tag sollte ein Tag in der Abhängigkeit von Gott sein, auf der Basis der Gnade allein.»

Jerry Bridges

Hüten wir uns also davor, Gott eine tolerante menschliche Liebe anzudichten und dabei seine Heiligkeit auszublenden, die doch ebenso zu seinem Wesen gehört wie Liebe und Barmherzigkeit.

Je nach Lebenslage fallen wir Christen häufig von der einen oder andern Seite vom Pferd, entweder auf den Boden der Resignation oder der «Eigenmächtigkeit». Die Resignation flüstert: «Du wirst es nie schaffen, treu zu sein. Du bist für Gott unbrauchbar und hast Vergebung nicht mehr verdient.» Und die Eigenmächtigkeit suggeriert uns: «Dazu brauchst du Gott nicht, seine Gebote sind veraltet. Du weisst besser, was gut für dich ist.» Beide Haltungen treiben einen Keil zwischen uns und Gott und kappen die Schnur der Abhängigkeit.

Oft muss er in seiner Liebe starke Signale setzen. Er wirft seinen Kindern schon mal Knüppel zwischen die Beine, um ihren zerstörerischen Lauf auszubremsen. Dieses erzieherische Handeln ist nicht Gericht, sondern zurechtbringende Gnade.

Wie oft klammern wir uns an Dinge, die uns knechten, lassen wir nicht los, was nicht hält. Aber Gott geht uns nach, er sucht das Verirrte, Verlorene. Jesus, das Licht, deckt auf und konfrontiert uns mit unserer hoffnungslosen Lage. Es ist heilsam und notwendig, dass wir angesichts der Heiligkeit Gottes erschrecken, unsere Sünde bekennen und uns vor ihm beugen. Seine Arme sind ausgebreitet, bereit, das verirrte Kind aufzufangen. Wenn wir zu ihm zurückkommen, überschüttet er uns nicht mit Vorwürfen, begegnet uns nicht mit Misstrauen, sondern gibt uns wunderbare Zusagen: «Fürchte dich nicht, in bin bei dir, ich helfe dir!» Gott zeigt uns seine Liebe, wenn wir es am wenigsten erwarten und verdienen – das ist Gnade!

«Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben ...», sagt Jesus. Je intensiver die Verbundenheit zwischen Weinstock und Reben, desto besser die Trauben! In der Abhängigkeit von ihm verwandelt sich unsere Ohnmacht in Kraft, Unmögliches wird möglich. Wenn wir am Ende sind, fängt Gott mit uns an! Auf diese Einsicht in der Schule Gottes wartet der himmlische Lehrmeister.

Am Ende ihrer Kräfte schrie auch Helma Bielfeldt nach Gott. Er antwortete ihr und machte sie zu einem frohen Gotteskind. Ein Leben voller Gewalt und Lieblosigkeit erfuhr eine Kehrtwende. Lesen Sie dazu das Interview ab Seite 20.

Mit dem Lied «Ich brauch dich allezeit, du gnadenreicher Herr, ich muss dich immer haben ...» grüsse ich Sie ganz herzlich.

Daniela Wagner-Schwengeler