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EDITORIAL

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LIEBE LESERIN, LIEBER LESER

Gehören Sie zu den Menschen, die Düfte überdurchschnittlich differenziert wahrnehmen? Die den Frühling riechen, Menschen und Tiere blitzschnell am Geruch erkennen und den Duft in der Luft nach einem Sommergewitter mit einer Fülle von Adjektiven beschreiben können? Die Kehrseite sind die weniger erbaulichen Gerüche. Als Kind schien mir die sensible Nase meiner Mutter fast übernatürlich. So forderte sie uns schon zum Duschen auf, kaum dass wir nach einem kurzen Stallbesuch beim Nachbarsbauern um die Ecke bogen. Seit damals weiss ich um hochsensible «Riecher» und dass ich definitiv nicht zu ihnen gehöre.

Wenn Schirmakazien von Giraffen angeknabbert werden, warnen sie die umliegenden Bäume, indem sie das Gas Äthylen absondern, das vom Wind weitergetragen wird. Die Bäume reagieren darauf mit der Produktion von Bitterstoffen, was der Giraffe den Appetit verdirbt. Um dennoch genügend Grünfutter zu bekommen, fressen die Langhälse deshalb nur wenige Minuten an der gleichen Akazie und wenden sich dann jenen zu, die der Windrichtung entgegenstehen. Duftende Botenstoffe – des einen Freud, des andern Leid!

Doch zurück aus dem Pflanzen- und Tierreich. Es gibt einen Duft, über den kaum jemand spricht. Er verfügt über eine Anziehungskraft, der sich niemand erwehren kann. Kennen Sie Menschen, die in Ihnen den Wunsch wecken, möglichst oft in ihrer Gesellschaft zu verweilen? Nicht «zu verduften»? Die in Ihnen die Sehnsucht auslösen, auch so zu sein? Ich meine nicht die kurzfristige Befriedigung der eigenen Geltungssucht, der Annehmlichkeiten im Kielwasser namhafter Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik oder der Society. Das riecht ganz anders!

«Gott aber sei gedankt, der uns allezeit Sieg gibt in Christus und offenbart den Wohlgeruch seiner Erkenntnis durch uns an allen Orten!»

2. Korinther 2,14

Die «Wohlriecher», die ich meine, springen nicht ins Auge. Ihr Duft führt oft weg vom öffentlichen Fokus in «die zweite Reihe». Aber es sind keine Duckmäuser, die sich verstecken und die Verantwortung scheuen. Im Gegenteil! Sie verfolgen auch nicht das Ziel, gut dazustehen oder sich Vorteile zu verschaffen. Beseelt vom Wunsch, die Aufmerksamkeit auf die Person ihres Vertrauens zu lenken, vergessen sie sich selbst darüber. Doch erstaunlicherweise verkümmern sie nicht in der Selbstaufgabe, sondern erstarken zu unglaublicher Grösse, zu einem fantastischen Odeur.

Der ist mir kürzlich in der Gestalt eines kleinen Mädchens begegnet, das aus dem Irak in ein Flüchtlingslager fliehen musste (lesen Sie dazu Seite 2). Das Zeugnis der Kleinen berührte mich tief. Ein Kind, das trotz seines schweren Schicksals Freude ausstrahlt, ein Duft, der aus der Beziehung zu Jesus Hoffnung über zerbombte Orte wehen lässt.

Diesen anziehenden Duft verströmt auch das Ehepaar Herrmann, weil es nicht schweigen kann, allen Menschen von der Liebe Jesu zu erzählen (nachzulesen im Interview ab Seite 18).

Leider reagieren viele Zeitgenossen auf dieses Angebot mit Ablehnung und Hass, weil solch gelebte Liebe aus einem Leben mit Gott gewirkt ist. Sie versuchen, diesen Wohlgeruch aus sich selbst zu verströmen – obwohl ich ehrlicherweise zugeben muss, dass einige von ihnen in ihrer dienenden Hingabe an andere Menschen besser «riechen» als so mancher Christ. Doch für Gott ist nur ein Wohlgeruch, was rein, heilig, sündlos ist. Das ist Er allein. Darum: «Wer Jesus hat, der hat das Leben» (1. Joh. 5,12). Wer ihn nicht hat – so sagt es Gott in der Bibel –, der hat das Leben nicht und trägt an sich den Geruch des Todes.

«So zieht nun an als Auserwählte Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld» (Kol. 3,12). Nicht wir wirken diesen Duft, sondern Jesus, wenn wir ihm in unserem Herzen den Platz einräumen, der ihm zusteht.

Schenke Gott, dass wir einen Duft verbreiten, der in unserem Nächsten die Sehnsucht nach ihm weckt.

Herzlich,

Ihre Daniela Wagner-Schwengeler