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EDITORIAL

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LIEBE LESERIN, LIEBER LESER

Was ist das grosse Ziel Gottes mit denen, die ihn aufnahmen, die er sich zum Eigentum erkauft hat durch seinen stellvertretenden Tod? Leben wozu? Gerettet wofür?!

Wir sollen so gesinnt sein wie Jesus! Ja, dieses Ziel scheint lohnend, wäre gleichbedeutend mit «Himmel auf Erden».

Schnell kommt der Einwand: Aber Jesus war ganz Gott, Kunststück! Doch – für uns nicht wirklich zu verstehen – war er gleichzeitig auch ganz Mensch. Menschsein beinhaltet Entscheidungsfreiheit. Jesus tat nichts, ohne nach dem Willen seines Vaters zu fragen, stets handelte er in der Abhängigkeit von ihm. Diese Gesinnung durchzog sein Leben wie ein roter Faden: Diener aus Liebe und Gehorsam gegenüber dem Vater – koste es, was es wolle.

Da stöhnt der Zeitgeist auf! Aus dessen Werkzeugkasten stammen eher Instrumente wie: Selbstverherrlichung, Selbsterhöhung, Selbstdarstellung – «born to be a star», und in philosophischen Endlosdiskussionen werden klare Weisungen Gottes zu Wortstaub pulverisiert.

«Denn ihr sollt gesinnt sein, wie es Christus Jesus auch war, der, als er in der Gestalt Gottes war, es nicht wie einen Raub festhielt, Gott gleich zu sein; sondern er entäusserte sich selbst und nahm die Gestalt eines Knechtes an (...), erniedrigte sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod am Kreuz.»

(Phil. 2,5–8)

Als Christen haben wir grundsätzlich ein «Ja» zum Dienen, nur ist es leider oft sehr theoretischer Natur. Wissen Sie, was mich immer wieder erschreckt? Wie genau wir Dinge wissen und für wahr halten, sie uns absolut zentral sind und wir sie anderen «predigen». Aber gewisse Bereiche unseres Lebens kommen nicht einmal in die Nähe einer Berührung damit, geschweige denn, dass sie den Wunsch nach Veränderung in uns auslösen.

Mit Nachdruck bejahen wir «Demut» als erstrebenswerte Charakterprägung. Unsere Haltung in Gesprächen ist jedoch nicht selten von Arroganz geprägt: Meine Sicht der Sachlage ist das Mass aller Dinge, es gilt, den anderen auf meine Schiene «einzuspuren». Ringen wir ernsthaft darum, dass Gott uns zeigt, wie er das Ganze beurteilt, oder meinen wir, aufgrund unseres grossen Bibelwissens sowieso richtig zu liegen?

Ein dickes «Ja» schreiben wir auch unter «Versöhnungsbereitschaft». Die Worte «Es tut mir leid, bitte vergib mir» finden hingegen oft nur zögerlich den Weg über unsere Lippen. Schliesslich liegt das Gegenüber in gröberen Punkten daneben und ist uneinsichtig – so unsere Rechtfertigung, den von Gott geforderten ersten Schritt nicht zu tun. Da liegt es uns schon eher, mit andern über das Versagen Dritter zu reden, darin sind wir Weltmeister.

Tief beeindruckt hat mich eine Frau, Autorin, Referentin und Ehefrau eines Gemeindeleiters, die im Gottesdienst aufstand und ihre Glaubensgeschwister um Vergebung bat. (Sie hat übrigens niemanden umgebracht, «nur» Geschwister in ihrem Herzen verurteilt und Selbstgerechtigkeit geduldet). Nebenbei – diese Aktionsweise hat sie nicht «zerstört», sondern ihr in meinen Augen eine Authentizität als Christ verliehen, die in einer anderen Liga spielt, als all ihre toll geschriebenen, gut formulierten Artikel über geistliche Wahrheiten. So sieht Segen aus! Wir müssen Gottes Wort ernst nehmen, nicht mit philosophischen Zusätzen anreichern und vor allem – tun. Blosses «Fürwahrhalten» hat mit dem christlichen Glauben wenig bis gar nichts gemeinsam, denn der erhebt Anspruch, unser Leben zu durchdringen.

Jesus möchte keine Moralapostel, legt den Fokus auch nicht auf Perfektion, sondern auf Motivation – Menschen, die ihn leidenschaftlich lieben, deren Herz ihm gehört. Im Dienst für ihn prägt er seine Wesensart in uns. Er bringt selbst Wüsten zum Blühen!

Herzlich, Ihre

Daniela Wagner-Schwengeler